Whoever closes his eyes to the past is blind to the present.
Richard von Weizsäcker

Rund 95 Jahre sind vergangen seit 1906 auf einer Ansichtskarte die Straßenpartie um das Gasthaus zum Lamm in Walddorf abgebildet war, ein Stück Heimat, das vielen Walddorfern vertraut ist. Inzwischen hat sich vieles gewandelt, die Straßen waren damals mehr schlecht als recht befestigt und im Gebäude Hauptstraße 26 betrieb Johann Jakob Wezel einen Gemischtwarenladen und eine Seifensiederei.

Erste Hinweise auf das Gebäude liefert ein Walddorfer Steuerbuch aus dem Jahr 1757. Es gehörte damals zum Besitz des Jacob Schweiker und wird als "eine neue Behausung und Scheuren unter einem Tach hinden im Dorf hereinwärts neben der Gaß" bezeichnet. Dieser neubau ersetzte ein "klein Häußlin", das um 1699 genannt wird. Jacob Schweiker war Schmied um dem Gebäudebrand-Kataster aus dem Jahr 1779 kann entnommen werden, daß sich in dem zweigeschossigen Gebäude auch eine "eingereichtete Hufschmied-Werckstatt" befand.

SeifensiedereiNach mehreren Eigentümerwechseln kam das Gebäude 1847 in den Besitz des Seifensieders und Krämers Wilhelm Friedrich Wezel und dessen Frau Catharina Barbara, geborene Weinmann. Wezel hatte sein Gewerbe bis zu diesem Zeitpunkt in der Nachbarschaft (Stuttgarter Straße 1) ausgeübt. Noch im selben Jahr wurde im Erdgeschoß des Hauses ein kleiner Laden sowie eine "Seifensieder Werkstätte" eingerichtet.
Durch die "Walz" galt Wilhelm Friedrich Wezel als weit gereister Mann, während seiner Wanderzeit als Handwerks-Geselle war er über die Karpaten bis ans Schwarze Meer marschiert. Seife und Seifensiederei kamen in Europa, wohl unter arabischem Einfluss, zu großer Bedeutung. Schon im 14. Jahrhundert schlossen sich die Seifensieder in Deutschland zu Zünften zusammen.
Die Seifensiederei war allerdings nichts für empfindliche Nasen. Durch das verkochen von tierischen und pflanzlichen Fetten mit Sodalösung oder Natronlauge ließ man so genannten Seifenleim entstehen, der dann zu wasser- und glyzerinhaltiger Leimseife erstarrte und durch das aussalzen mit Kochsalz als "Seifenkern" abgeschieden wurde. Die verbleibende Lauge (Unterlauge) enthielt als Nebenprodukt Glyzerin. Durch erneutes Sieden, das Klarsieden, erhielt man schließlich Kernseife, die durch Zusatz von Duft- und Farbstoffen zu Feinseife veredelt werden konnte.

Anno 1887 übergab Wilhelm Friedrich Wezel sein Geschäft dem Sohn Johann Jakob Wezel der auch das Gebäude an der Hauptstraße nach dem Tod des Vaters 1890 übernahm. Welche Waren damals in dem kleinen, nur knapp elf Quatratmeter großen Laden feilgeboten wurden, verrät ein "WaarenlagerVerzeichniß" aus dem jahre 1895.
Angeboten wurde alles, was die überwiedend selbstversorgende Landbevölkerung nicht oder nur schwar selbst herstellen konnte. Es gab braunen, weißen oder gestßenen Zucker - insgesamt waren über 150 Kilo am Lager -, man bekam Tabak, Zigarren, Zündhölzer, Zichorie (Kaffee-Ersatz) für 22 Pfennige je Pfund aber auch richtige Kaffeebohnen, das Pfund zu 1,18 Mark, sowie Zimt, Pfeffer, Nudeln, Schweineschmalz und ein kleines Sortiment Süßigkeiten wie Zuckerstängel, Schokolade und sonstige Zuckerwaren.. Ferner gab es Tafeln und Griffel für die Schuljugend und kleine Döschen mit Pomade zu acht Pfennigen je Stück, Stickgarne und Wolle, Drahtstifte, Schuhnägel und Hosenträger und natürlich Seife und Stearin-Kerzen. Insgesamt hatte Kaufmann Jakob Wezel in einem Jahr waren im Wert von 1.692,99 Mark vorrätig.

1907 wurde die seifenproduktion in Walddorf eingestellt, da durch die industrielle Fertigung Seifen einfach billiger produziert werden konnten. Einer von Jakob Wezels Söhnen, Willhelm Wezel, hatte sich nach Biedenkopf an der Lahn verheiratet und dort eine Seifenfabrik gekauft. Selbstverständlich belieferte er das Geschäft des Vaters mit Seifen der Marke "Verna" aus Biedenkopf.

Jakob Wezel baute das Ladengeschäft in den folgenden Jahren weiter aus. Er erweiterte den kleinen Verkaufsraum um die Fläche der ehemaligen Seifensiederei, wodurch sich die Verkaufsfläche vervielfachte. 1931 übergab Jakob Wezel sein Geschäftshaus im Alter von achtzig Jahren an seinen jüngsten Sohn Christian Wezel, der eigentlich ein gelernter Schlosser war. Christian Wezel übernahm den Familienbetrieb, war aber zudem noch Verwalter des Darlehnskassenvereins in Walddorf.

1948 wurde der Laden modernisiert, unter anderem erhielt er größere Schaufenster. Um einen Lichtdurchfluteten Verkaufsraum zu erhalten, wurde das obere Stockwerk des Hauses für die Dauer der Bauarbeiten auf Sprieße gestellt. Nach Christian Wezels Tod 1958 wurde der Gemischtwarenladen noch mehr als zwanzig Jahre von der Wittwe, der Tochter und dem Schwiegersohn weitergeführt. In den 60er Jahren wurde das Warensortiment aufgeteilt, das Ladengeschäft in der Hauptstraße 26 verpachtet. Weiterhin wurden darin Lebensmittel verkauft. Heute ist in diesen Räumen ein junges Unternehmen für Autozubehör untergebracht. Christian Wezels Nachfahren betrieben indessen ein Geschäft für Porzellan, Spielwaren, Kurzwaren, Wolle und Textilien in einem angrenzenden Gebäude.

Quelle: Reutlinger Generalanzeiger vom 16.06.2001

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