Whoever closes his eyes to the past is blind to the present.
Richard von Weizsäcker

Zu den ältesten Walddorfer geschlechtern zählt zweifellos die Familie Gaiser, deren Mitglieder einst häufig eine bedeutende Rolle im öffentlichen Leben des Dorfes spielten.
Viermal trugen Walddorfer Schultheiße den Namen Gaiser und unzählige Schüler wurden von einem der fünf Schulmeister, die die Familie hervorbrachte, unterrichtet. Auch die Geschichte der einstigen Herberge zur Sonne ist eng mit der Gaiserschen Familiehistorie verwoben.
Der überwiegende Teil der noch heute in Walddorf lebenden Gaisers sind Nachfahren des Hans Gaiser, Stammurgroßvater (Urgroßvater in 10. Generation) und seiiner 2, Frau Barbara, geb. Wilderer, Stammurgroßmutter (Urgroßmutter in 10. Generation).

Hans Gaiser wird in den örtlichen Akten als langjähriger Schultheiß geführt. Ehefrau Barbara brachte zwei Kinder zur Welt, die das Erwachsenenalter erreichten - eine Tochter, die den Taufnamen ihrer Mutter erhieltStammgroßmutter (Urgroßmutter in 9. Generation) und sich später mit dem Walddorfer Adlerwirt und späteren Schultheißen Johannes Wezel vermählte, sowie einen Sohn namens Hans,Stammvater (Urgroßvater in 8. Generation) der sich in Walddorf als Felmesser und 36 Jahre lang als "ludimoderator" (Schulleiter) betätigte.

Jung Hans Gaiser heiratete anno 1661 eine Tochter des Mittelstädter Schultheißen KnechtStammurgroßvater (Urgroßvater in 10. Generation). Als er starb hinterließ er sieben Nachkommen. Für die Walddorfer Ortsgeschichte sind zwei der hier entstandenen Familienzweige von besonderer Bedeutung. Zum einen die "Schulmeister"-Linie, zum anderen die Dynastie der "Sonnenwirte".

as Beispiel der Sonnenwirte zeigt besonders eindrucksvoll, mit welch geschickter Heiratspolitik die frühere dörfliche Ehrbarkeit durch Hochzeiten Besitz und Vermögen zu bewahren oder vermehren versuchte. Sämtliche Wirte der Gastherberge zur Sonne vermählten sich mit einer Wirtstochter oder der Tochter eines Schultheißen.

Der reichste Bauer, auch "Rossbauer" genannt und der Gastwirt standen einst an der Spitze der dörflichen Gesellschaft. Der Schultheiß stammte meist aus deren Reihen, denn es handelte sich um eine ehrenamtliche Tätigkeit, die nur von Personen ausgeübt werden konnte, die vom Hof abkömmlich waren.

Hans Gaisers ältester Sohn GeorgStammvater (Urgroßvater in 8. Generation) kam 1661 zur Welt und war später als Heiligenpflger für das Rechnungswesen der örtlichen Schule zuständig. Im Jahre 1711 heiratete er die Häslacher Schultheißentochter Anna OsswaldStammmutter (Urgroßmutter in 8. Generation). Schon 1710 wird Georg Gaiser als "Sonnenwirth" erwähnt, dementsprechend hatte er für sein Wohnhaus die Schildwirtschaftsgerechtigkeit erworben.
SonneSonnenwirt Gaiser besaß zu jener Zeit ein stattliches Anwesen im "oberen Dorf" (die heutigen Gebäude der Stuttgarter Straße 9 und 11). Wenn auch weder das Baujahr noch der Erbauer des Hauses bekannt sind, so lassen der nach Süden weisende Halbwalm des Daches, sowie die mit Eselsrückenprofilen verzierten Schwellen des Fachwerkgefüges auf den Wohlstand des Bauherren schließen.

Nach dem Ableben von Sonnenwirt Gaiser erbte 1725 der jüngste Sohn Hans Jacob GaiserOberurgroßvater (Urgroßvater in 7. Generation) das Anwesen und musste daür jährlich "zwei alte Hennen und zwei Hühnerlen, sowie an barem Geld sechs Heller" an die Kellerei Tübingen entrichten, sozusagen die Grundsteuer der damaligen Zeit. Neben seiner Tätigkeit als Sonnenwirt war hans Jacob Gaiser zudem Feldmesser, Denkendorfer Unterpfleger und Bürgermeister. 1711 hatte er sich mit RosinaOberurgroßmutter (Urgroßmutter in 7. Generation), einer Tochter des Walddorfer Reifwirts Johannes WezelStammvater (Urgroßvater in 8. Generation) vermählt. Hans Jacob Gaiser starb im Jahr 1752 an den Folgen eines Sturzes von der Scheuer. Einige Jahre später,anno 1759 übergab dessen Wittwe Rosina Haus und Hof an den Sohn Johannes Jacob Gaiser, der mit einer Lammwirtstochter aus Neuhausen an der Erms verheiratet war.

1767, anlässlich des Todes der Mutter Rosina Gaiser, wird das Anwesen allerdings entsprechend der landrechtlichen Bestimmungen neu aufgeteilt. Dabei fällt dem "Tochtermann" Jörg Balthas SchmidObervater (Urgroßvater in 5. Generation), also Johannes Jacob Gaisers Schwager die Hälfte des Hofes zu. Noch im selben Jahr wurde daher "in die Scheuer eine behausung eingerichtet". Das Anwesen war von nun an zweigeteilt, das neue Wohnhaus firmierte unter der Adresse Stuttgarter Straße 11.

Johannes Jacob Gaiser starb 1777 nach "langwührigem Krankenlager", 1781 ging seine Wittwe Maria Agnes eine zweite Ehe mit dem aus Kirchentellinsfurt stammenden Christian Raiser ein. Er erhielt den Betrieb der Herberge offensichtlich aufrecht, denn auch er wird als Sonnenwirt erwähnt. Von 1793 an hieß der Walddorfer Sonnenwirt jedoch nochmals Gaiser. In jenem Jahr wurde dem Stiefsohn Ludwig Gaiser anlässlich seiner Hochzeit der "Sonnen"-Anteil des Anwesens übergeben.
Ludwig Gaiser war der letzte Wirt der "Gastherberge zur Sonne". Von 1828 an verzichtete er auf das Schankrecht, 1848 starb er ohne männliche Nachkommen. Die nachfolgenden Eigentümer waren überwiegend Landwirte und Handwerker. Rund 40 Jahre nachdem der Herbergsbetrieb eingestellt worden war, entstand an anderer Stelle, in der Deutschen Gasse (Dettenhausener Strasse 28), ein neues Gasthaus zur Sonne (siehe Abbildung).

Quelle: Reutlinger Generalanzeiger vom 11.03.2000

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