Wer vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart.
Richard von Weizsäcker

Der Ausgburger Religionsfriede 1555

Einen entscheidenden Schritt in der Auseinandersetzung zwischen Protestanten und Katholiken im 16. Jahrhundert bildete der Augsburger Religionsfriede von 1555, der auch bei der Auslösung des Dreißigjährigen Krieges eine maßgebliche Rolle spielte. Vereinfacht gesagt, kämpften die Protestanten im Reich um die Anerkennung ihrer Konfession, die Katholiken hingegen um deren Eindämmung. 1555 versuchte man, die konfessionellen Streitigkeiten auf eine politisch-rechtliche Art anzugehen, wobei eine endgültige Lösung des zugrundeliegenden Konfliktes auf später vertagt wurde. Der auf diese Weise zustandegekommene Vertrag enthielt drei zentrale Bestimmungen:

1. die Augsburger Konfession wird unter den Schutz des Allgemeinen Landfriedens gestellt und somit rechtlich anerkannt. Die Calvinisten bleiben jedoch weiterhin ausgeschlossen.

2. das "ius reformandi": nur der Landesherr hat das Recht die Konfession zu bestimmen; die Untertanen müssen sich anpassen. Diese Bestimmung wird in der berühmten Formel Cuius regio eius religio deutlich, die in dieser From aber erst später geprägt wurde. Andersgläubige dürfen auswandern (ius emigrandi).

3. der Geistliche Vorbehalt (reservatum ecclesiasticum): die geistlichen Fürsten werden von der Religionsfreiheit ausgenommen. Wer zum evangelischen Glauben übertreten möchte, verliert sein Amt. Damit soll die katholische Reichskirche geschützt werden.

Der territoriale Besitzstand wurde auf der Basis von 1552 fixiert.

Verschärfte Konfliktsituation

Trotz oder wegen dieser Vereinbarungen währte der Frieden nicht lange. Da der Augsburger Religionsfriede nur vorläufige Bestimmungen fasste, begann bald darauf die Diskussion um seine Auslegung desselben. Sie führte zu weiteren, verschärften Konfrontationen zwischen den beiden Konfessionen. Dies wirkte sich auch auf die Reichsverfassung aus, da einzelne Organe 'lahmgelegt' wurden, z.B. das Reichskammergericht und der Reichstag. Beide Verfassungsorgane besaßen eine wichtige Ausgleichsfunktion im Reich. Bei den Auseinandersetzungen spielte die Frage der Kirchengüterregelung eine zentrale Rolle, da im Augsburger Religionsfrieden nicht geklärt war, was mit den zahlreichen Gebieten geschehen sollte, die nach 1552 säkularisiert worden waren. Die Protestanten wollten die Güter natürlich behalten, die Katholiken fürchteten eine weitere Ausdehnung der Reformation und wollten die Säkularisierungen rückgängig machen.
Die Debatten erhitzten sich, als die Landesherren ihre Territorien ausbauten und die Einheit von politischer Ordnung und Religion festigten. Der Augsburger Religionsfriede hatte die paradoxe Situation hinterlassen, daß zwar im Reich eine strenge Parität der Konfessionen herrschte, in den einzelnen Territorien hingegen die Einheit der Konfession gewahrt werden mußte. Die Landesherren nutzten die Durchsetzung des einheitlichen Glaubens, um ihren Territorialstaat in Hinsicht auf Verwaltung, Behörden und Bildungswesen weiter auszubauen.
Als 1606 ein Waffenstillstand mit den Türken geschlossen wurde und somit ein Solidarisierungsgrund zwischen den Parteien im Reich wegfiel, verschärften sich die Fronten weiterhin. 1608 kam es auf dem Reichstag zu einem Eklat aufgrund von Uneinigkeit in konfessionellen Standpunkten, so daß auch dieses Reichsorgan gesprengt wurde.

Gründung von Union und Liga

Daraufhin gründeten die protestantischen Stände (u.a. Pfalz, Sachsen-Anhalt, Württemberg, Baden-Durlach) die sog. Union, ein Defensivbündnis unter der Führung der Kurpfalz. Allerdings war das Bündnis nicht besonders stark, da sich die norddeutschen Kurfürsten sowie Kursachsen nicht anschlossen und das Bündnis unter zahlreichen Uneinigkeiten zwischen Lutheranern und Calvinisten sowie unter Geldmangel litt.
Auf der katholischen Seite wurde im Jahr darauf (1609) die Liga unter der Führung Maximilians von Bayern gegründet, der die meisten katholischen Reichsstände (Bischöfe von Würzburg, Augsburg, Passau, Erzbischöfe von Köln, Mainz, Trier u.a.) beitraten. Vorgebliches Ziel der Liga war die Verteidigung des Landfriedens und der katholischen Religion. So standen sich also zu Beginn des Krieges zwei konfessionelle Fronten gegenüber.


Quelle:

1. Beatrice Hermanns: Der Dreißigjährige Krieg. Eine Einführung, in: Gudrun Gersmann / Torsten Reimer (Hg.): München im Dreißigjährigen Krieg. Ein universitäres Lehrprojekt, 1. Version vom 6.12.2000, URL: http://www.krieg.historicum-archiv.net/themen/m30jk/30jkeinfuehrung.htm [Stand: 12.06.2012]

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