Wer vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart.
Richard von Weizsäcker

Auch aus Walddorf wanderten zahlreiche Bürger aus. Gründe dafür hat es sichrlich mehrere gegeben.

Wer im Herzogtum oder seit 1806 Königreich Württemberg lebte und im Ausland eine Stelle antreten oder sich verheiraten wollte, musste auf das Orts- und das württembergische Staatsbürgerrecht verzichten und dashenige des fremden Staates annehmen.

Im zweiten Jahrzeht des 19. Jahrhunderts sezte eine Massenauswanderung aus Württemberg nach Russland und Nordamerika ein. So war es auch in Walddorf.

1817 wanderten 27 Familien und sechs ledige Frauen und Männer nach "Kaukasien" aus, eine Familie gab Ungarn als Ziel an. Das waren rund 50 Erwachsene und 72 Kinder, fast 10 Prozent der damaligen Dorfbevölkerung. Diese Bewegung hat in unterschiedlichem Außmaß auch die umliegenden Dörfer Häslach, Dörnach, Rübgarten, Pliezhausen, Oferdingen, Pfrondorf und Kirchentellinsfurt erfasst.

Verschiedene Umstände trafen damals zusammen. Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts hatte sich in Württemberg der Pietismus auch in den unteren Schichten der Bevölkerung ausgebreitet. Unzufrieden von der vom Rationalismus gepräten Amtskirche wandten sich die Menschen religiös konservativen Gruppen zu, die zuweilen auch sektenähnliche Züge annahmen und als Separatisten bekämpft wurden. Bei allen Unterschieden war diesen Gruppierungen die Endzeiterwatung gemeinsam. Dies sollte entweder in Palästina oder im Kaukasus auf dem Berg Ararat geschehen. Die französische Revolution, die napoleonischen Kriege, die Auflösung des alten Reiches und die Hungersnöte schienen auf ein baldiges Ende der Welt hinzudeuten. Was lag da näher, als die Heimat zu verlassen und Christus entgegen zu gehen. Außerdem hatte der fromme Zar Alexander über die Freifrau von Krüdener mit den schwäbischen Pietisten Kontakt aufgenommen und allen Einwanderern nicht nur Siedland sondern auch Religionsfreiheit zugesichert.

In den folgenden drei Jahrzehnten wanderten nur wenige Walddorfer aus. Zwei Webersfamilien und einige ledige Handwerker nach Nordamerika, andere nach Baden, Bayern, Frankfurt, Thüringen, Sachsen und Österreich.

Erst als sich zwischen 1846 und 1854 Missernten einstellten, die erneut zu einer bedrohlichen Ernährungskriese führten, bahnte sich wieder eine starke Auswanderungsbewegung an, die 1852 bis 1854 anschwoll und bis 1870 langsam wieder abklang. Nun war Nordamerika das Land mit der größten Anziehungskraft.

Aus Walddorf lassen sich rund 120 Erwachsene und über 50 Kinder als Amerikaauswanderer nachweisen. Vermutlich waren es aber einige mehr. Daneben wurde natürlich auch in die Nachbarländer ausgewndert. Nach Amerika zog es vor allem Ledige. Von den erwachsenen Auswanderern nach Nordamerika waren etwa zwei Drittel unverheiratet, wiederum ein Drittel davon waren Frauen. Wo Berufe angegeben sind, handelt es sich vorwiegend um Handwerksberufe. Es waren also vorwiegend Menschen, die allein von der Landwirtschaft nicht leben konnten und stets in Gefhr waren, in Kriesenzeiten völlig zu verarmen.

Hinter den nackten Zahlen stehen Einzelschicksale. Von zahlreichen Auswanderern kennt man wenigstens das Ziel, bei manchen Namen aber steht in den Akten "verschollen", andere wurden irgendwann für tot erklärt. Nur wenige haben Kontakt zu Familie und Verwandschaft in der Heimat aufrechterhalten.

Quelle: Festschrift zu 800 Jahrfeier der Gemeinde Walddorf

Clair Sch.
Autor: Clair Sch.Website: http://www.ancestry24.deE-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
Webmaster, Genealoge und Blogger
Ahnenforscherin seit 2003, blogge ich seit 2012 über meine Familie, meine Forschung und die Genealogie. Ich betreibe mehrere Webprojekte, die im Zusammenhang mit Familienforschung und Geschichte stehen.

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