Whoever closes his eyes to the past is blind to the present.
Richard von Weizsäcker

1812-1860 Kaltperiode

1803 und 1804 gab es in weiten Teilen Europas schlechte Ernten. 1805 schließlich kam es dann zu regelrechten Hungersnöten: so wird berichtet, daß im März in Schlesien Katzen gegessen wurden und in Göttingen ließ die Stadtverwaltung zwischen Juni und September Brot und Suppe an Bedürftige ausgeben. Tatsächlich war der Sommer 1805 gerade in Frankreich, Deutschland und Benelux (aber auch weiter im Osten) ziemlich schlecht - teilweise sogar noch kälter als der von 1816. Die Sommer von 1803 und 1804 hingegen sind normal bzw. teilweise sogar zu warm. Es fällt auch keiner der Einzelmonate Juni/Juli/August durch eine krasse Abweichung auf, so daß die Mißernten jener Jahre nicht einfach pauschal durch Betrachtung simpler Temperaturmittelwerte zu erklären sind.

Das Jahr 1816 ist in der Klimageschichte schon lange bekannt als das „Jahr ohne Sommer“, ein Jahr, in dem in vielen Teilen der Welt ein ungemütlicher und vor allem sehr kühler Sommer auftrat. Und schon lange hat man auch den „Täter“ dafür identifiziert: den gewaltigen Ausbruch des Tambora-Vulkans (Indonesien) im April 1815. Geschätzte 150 km³ an Gesteinsmassen wurden damals in die Atmosphäre geblasen, genug, um weltweit eine Klimaverschlechterung einzuleiten. So stark gingen dann nach der etwa einjährigen Ausbreitungsphase des Staubschleiers um die Erde die Sommertemperaturen zurück, dass z.B. aus dem Nordosten der USA von Schneefällen im Juni berichtet wird.

Aber wie so oft bei klimatischen Betrachtungen muß man sich davor hüten, zu sehr zu verallgemeinern. Der Sommer des Jahres 1816 war eben nicht überall schlecht und kalt, auch in diesem Jahr gab es etliche „Gewinner“, Regionen also mit schönem und warmem Sommerwetter - auch in Europa. Und ein weiterer Punkt muß beachtet werden: in den Jahren vor wie nach 1816 traten - zumindest in Europa - eine ganze Reihe schlechter, kalter Sommer auf.

1816 stellt für Europa einen Problemfall dar: der Sommer war kalt, aber nicht überall, und oftmals waren auch die Jahre vor und nach 1816 mit schlechten Sommern geschlagen. Schon Hans v. Rudloff hat festgestellt, daß für West- und Südeuropa das Jahrzehnt 1812 - 1821 bezogen auf die Sommer das kälteste der letzten 250 Jahre war. 1816 liegt also inmitten einer ganzen Serie oft europaweit schlechter Sommer.

Die Krise von 1816/17 war trotzdem schwerwiegender, zumal in ihrem Gefolge eine Typhus-Epidemie sich über Europa ausbreitete. In einigen Städten Deutschlands wurden Bäckereien und Metzgereien geplündert; Nürnberg und wiederum Göttingen gaben in den Sommermonaten 1817 Brot und Suppe an Arme aus. Die Getreidepreise erreichten historische Spitzenwerte, nicht nur in Deutschland, sondern auch in England und Frankreich, wo Getreidetransporte oft nurmehr unter massivem Polizeischutz stattfinden konnten. Und in der Schweiz war der Sommer so kalt und verregnet, daß die Heuernte buchstäblich ins Wasser fiel, die Milch- und damit Käseproduktion stark vermindert war und das Getreide nass geerntet werden mußte, so daß es teilweise in den Speichern verschimmelte. Diese Versorgungskrise West- und Mitteleuropas kann also durch den sehr schlechten Sommer 1816, gefolgt vom mäßig schlechten Sommer 1817, ganz gut erklärt werden. Ins Bild passt, daß keine entsprechend dramatischen Berichte aus Nord- und Osteuropa bekannt sind - waren dort doch wie gezeigt diese Sommer deutlich besser als im Westen.

Berüchtigt ist die Krise von 1846/47 - vor allem durch die sogenannte „Kartoffel-Hungersnot“ in Irland, die ca. 1 Million Iren das Leben kostete und eine ähnlich hohe Zahl nach Amerika emigrieren ließ. Verbreitet wurde in diesen Jahren die Kartoffelernte durch Fäulnis verdorben, aber auch die Getreideernte war schlecht. Das hatte direkte Wirkung auf die Preise dieser Grundnahrungsmittel. In Ostpreußen und Schlesien wurden durch die Hungersnot mit anschließender Typhusepidemie ganze Dörfer entvölkert. Diese schwere Krise aber auf klimatische Unbill zurückzuführen fällt nicht leicht, denn die Jahre 1846/47, jedenfalls was das Sommerhalbjahr angeht, sind in den meisten Teilen Europas nicht weiter negativ auffällig . (So zeigen z.B. die Niederschlags- und Temperaturreihen von Dublin für diese Jahre ziemlich durchschnittliche Werte.) Im Gegenteil, der Sommer des Jahres 1846 war vielfach in Europa sehr warm. Aber nur zwei Jahre vorher findet sich mit dem Sommer 1844 einer der europaweit kältesten sowohl dieser Epoche als auch des gesamten 220-Jahres-Zeitraums! Und auch die Sommer der Jahre 43 und 45 waren recht schlecht. (Im Jahre 1844 ereignete sich allerdings der durch miese Lebensbedingungen und akute Hungersnot ausgelöste Aufstand der schlesischen Weber, denen Gerhart Hauptmann mit seinem berühmten Drama „Die Weber“ ein literarisches Denkmal setzte.)

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