Whoever closes his eyes to the past is blind to the present.
Richard von Weizsäcker

Eine Kapelle als Namensgeberin

Im Folgenden wird die Historie eines ganzen Staßenzuges beleuchtet. Es geht um die "Kappel", die auch insofern eine Sonderstellung einnimmt, als sie nach der Überlieferung oft von einem Geist heimgesucht wurde, der in Tiergestalt aus Gniebel nach Walddorf kam.

UhrDer Name rührt von einer Kapelle her, die einst am südlichen Ortsrand von Walddorf stand. Um das Jahr 1500 hatte sich der langjähreige Walddorfer Schultheiß Johannes Glend entschieden, seinen Lebensabend im St.-Peter-Stift im Schönbuch zu verbringen; 1509 war er nachweislich "Bruder" aus dem Einsiedel. Im Laufe der Jahre zu einem Vermögen gekommen - Frau und Kinder waren vor ihm gestorben -, lag ihm vor allem daran, für sein Seelenheil zu sorgen und sein Leben in Ruhe zu beschließen.

Mit dem größten Teil seines Besitzes ließ er vor 1493 am "tiefen Weg" (Kappel), vermutlich auf der Höhe an der Kreuzung der alten Wege nach Gniebel und dem Einsiedel eine Kapelle zu errichten.
Glend selbst benannte noch den ersten Inhaber der neuen Kaplanstelle und übertrug dann das Präsentationsrecht und die künftige Besetzung auf Schultheiß und Gericht zu Walddorf. Dies geschah unter der Bedingung, daß der neue Kaplan kein Ordensmann, also kein Mönch, sein dürfe und stets aus der näheren Verwandschaft des Stifters genommen werden sollte.

GlockeDie mit jährlich rund 22 Gulden dotierte Kaplaneistiftung wurde 1510 vom Bischof in Konstanz bestätigt. Vom Ausshen der Kapelle sind keine Überlieferungen vorhanden, bekannt ist nur, daß sich im Inneren zwei Altäre befunden haben. Einer davon, so heißt es in der Stiftungsurkunde, "gewiht in der Ehr unserer lieben Frau (hl. Maria), dem heiligen Kreuz, st. Johannes dem Evangelisten, der hl. Anna, Katharina und Barbara, der ander der Ehr St. Wolfgangi (der Schäferheilige), Wendelini (der Viehheilige), Nikolai (hl. Nikolaus) und Ottilie".
Der Kaplan hatte wöchentlich 3 Messen zu lesen. Viel Wert wurde auf die Feier des Jahrestages des Stifters gelegt, die an den vie sogenannten Fronfasttagen gehalten werden sollte.

In nachreformatorischer Zeit, im sogenannten "Bildersturm" während der Regentschaft Herzog Christophs von Württemberg, wurde mit allem, was an den alten Glauben erinnerte, auf recht radikale abgeschlossen. Gotteshäuser wurden geplündert und ihre Ausstattung vernichtet oder nach Stuttgart gebracht. In jene Zeit fällt vermutlich auch die Zerstörung der Walddorfer Kappelle, wenngleich noch im Jahre 1588 Grundstücke "bei der Capell", oder im Jahre 1710 "ob an der Kapell" erwähnt werden. Für die Walddorfer blieb dieser bereich ohnehin die Kappell, auch wenn sich der Name mit der Zeit etwas modifizierte und so der Ausdruck "in der Kappel" entstand.

Zwischen 1750 und 1800 wuchs die Bevölkerung im Herzogtum Württemberg um fast ein Drittel an, in Walddorf verlief die Entwicklung der Einwohnerzahl ähnlich, nur etwas zeitverschoben. Um dem Mangel an Wohnraum Abhilfe zu schaffen, gab die Die KappelGemeinde in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts Grundstücke entlang der Kappel zur Bebauung frei. Es waren meist arme Tagelöhnerfamilien, die im Bereich der Kappel zunächt bescheidene einstöckige Behausungen errichten ließen, den es war die Zeit der Misernten, Hungejahre und Auswanderunngen und für einen großteil der Bevölkerung von erbärmlicher Armut geprägt.

Jene Jahre wirtschaftlicher Not brachten es mit sich, daß teilweise auch die kleinen Häuschen von mehreren Familien bewohnt wurden, daß die Hauseigentümer häufig wechselten, oder daß die eine oder andere "Behausung" versteigert werden musste.

1933 wurde von amtlicher Seite aus der Versuch unternommen, die Straße umzubenennen. Die politischen Größen jener Zeit wollten entsprechend geehrt sein, und so kam Walddorf, wie viele andere Gemeinden auch, zu einer "Adolf-Hitler-Straße". Gleich während der Besatzung durch die Franzosen mußten dieser und drei andere Starßennamen schleunigst wieder geändert werden., aus der Kappel wurde die Tübinger Straße.
Ende April 1950 erhielten alle Gebäude des Dorfes neue Hausnummern-Schilder und verschiedene Straßen neue Namensschilder. Dabei wurde auch beschlossen, daß der Bereich der Tübinger Straße wieder die alte Bezeichnung Kappel erhalten sollte, da sich dieser im allgemeinen Sprachgebrauch durchgesetzt hatte.und in sämtlichen Grundbüchern und Registern eingetragen war.

Die Abbildung zeigt das Haus Kappel 25. Zur Erinnerung an die Kapelle, die einst im oberen Bereich der Kappel stand und der Straße den Namen, gab ließ er Walddorfer Uhrmacher Gottlob Luik 1924 an seinem in den Jahren 1910/1911 erbauten Haus ein Uhrwerk und eine Glocke anbringen. Seit 1949 befindet sich das Gebäude im Besitz der Familie Baisch.

Quelle: Reutlinger Generalanzeiger vom 25.03.2000

Cookies make it easier for us to provide you with our services. With the usage of our services you permit us to use cookies.