Whoever closes his eyes to the past is blind to the present.
Richard von Weizsäcker

Ein Nonnenhaus im Himmelreich - katholische Spuren im evangelischen Dorf

Am 28. September 1534 bekannte sich derdamalige Walddorfer Pfarrer und ehemalige Denkendorfer Mönch Petrus Roth in der Vogtei zu Tübingen als einer der ersten des Dekanats zum neuen Glaubenund erhielt daraufhin den Auftrag, die Reformation in seiner Gemeinde umzusetzen. Trotzdem erinnern noch heute mehrere Flurbezeichnungen und Straßennamen an Einrichtungen, die man eher in katholischen Ggenden vermuten würde. So gibt es auf der Walddorfer Markung beispielsweise die Nonnenwiesen, das Nonnenhäusle und die Nonnengasse.
Zu erklären sind diese Namen durch eine Beginenklause, die einst in Walddorf bestanden hatte. Die Beginen waren eine halbklösterliche Frauenvereinigung, die sich neben religiösen auch sozialen Aufgaben widmete. Häufig handelte es sich um unversorgte Töchter oder Wittwen.

Das Walddorfer Beginenhaus entstand wohl frühestens im 14. Jahrhundert. Der erste archivalische Beleg findet sich jedoch erst 1468. Damals stand ein "Nonnenhaus" außerhalb des Ortes,"im Himmelreich im Walde Schönbuch", möglicherweise im Bereich der Flur Himmelreich, die in Walddorf noch heute bekannt ist. Ganz in der Nähe zum "Himmelreich" liegen außerdem die Nonnenwiesen und das gerodete Waldstück Nonnenhäule, wohl Flächen, die einst von den "Nonnen" bewirtschaftet wurden.
Zu ihrem Besitz gehörte 1480 außerdem eine Kapelle, die mit einem tragbaren Altar ausgestattet war, der an hohen Festtagen in einer Prozession durch den Ort getragen werden konnte.

Anno 1503 werden "Mutter und Schwestern im Himmelreich bei Walddorf im Schönbuch" erwähnt. Es handelte sich offensichtlich und Franziskaner-Tertianerinnen, die zum Sprengel der Martinskirche in Weil im Schönbuch gehörten.

Um 1525 nennen die Schwestern ein Haus innerhalb des Dorfes ihr eigen. Es befand sich in der heutigen Nonnengasse. Im Jahr 1551 gehörten bereits zwei Häuser in der Nonnengasse zum Besitz der letzten beiden verbliebenen "Nonnen", darunter das sogenannte "Nonnenhaus", eines dieser beiden Gebäude hatte vorübergehend Hans Wendel Vol von Wildenau, ein Angehöriger der in Rübgarten ansässigen Adelsfamilie, im Besitz, bis es 1559 von der bürgerlichen Gemeinde erworben und zum Neubau eines Rathauses abgebrochen wurde.
Das andere Haus wurde nach dem Tod der letzten "Nonne", dem so genannten Nunnengretlin, von der Herrschaft Württemberg eingezogen und dem Walddorfer Forstknecht (das könnte Hans Hirsch Ahnenvater (Urgroßvater in 11. Generation) gewesen sein) als Wohnung überlassen.

Im Jahr 1712 baute sich der damalige Förster Hans Georg Hirsch ein eigenes Haus mit Scheuer "am Gigelbronnen" (Brühlstrasse 4). Das ehemalige Nonnenhaus nutze er beziehungsweise sein Amtsnachfolger als Speicher, bis es am 13.10.1732 gänzlich abbrannte.

Von dieser Zeit an sollten also lediglich die bis heute gebräuchlichen Flur- und Straßennamen an die einstigen Nonnenhäuser in Walddorf erinnern. Da der Förster inzwischen ein eigenes Haus besaß, ließ die Forstverwaltung Tübingen das abgebrannte Gebäude nicht wieder aufbauen, der jeweilige Förster durfte das Grundstück allerdings als Garten nutzen.
Der Forstgarten, wie das Anwesen fortan genannt wurde, befand sich zwischen der Nonnengasse und der Jägerstrasse. Er umfasste die heute überbauten Grundstücke Forststrasse 1 bis 5 sowie Jägerstrasse 12.

Quelle: Reutlinger Generalanzeiger vom 20.02.2000

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