Whoever closes his eyes to the past is blind to the present.
Richard von Weizsäcker

Notariatssitz zu sein war damals, im 19. Jahrhundert, für eine Gemeinde ein herausragendes Privilieg. Notariatssitz wurde Walddorf während des ersten Drittels des 19. Jahrhunderts, wohl zum 01. Juli 1826. Der erste königliche Amtsnotar, der damals nach Walddorf beordert wurde, hieß Christian Friedrich Schnell. Er war ein Pfarrerssohn aus Zaberfeld und ließ sich damals ganz in der Nähe des heutigen Notariatsgebäudes nieder. Für sich und seine Familie mietete er den Vorgängerbau des Hauses Brühlstraße 4 als Wohnhaus. Das Gebäude gehörte damals zum Besitz von Eberhardina Friederika Landerer, geborene Koch, der Gattin des damaligen Walddorfer Pfarrers Professor Gottlieb Landerer.

Zu Schnells Amtsbezirk zählten 15 Ortschaften. Die tägliche Arbeit von Notar Schnell bestand hauptsächlich aus Nachlass-Inventuren und Teilungen, Pflegschafts- beziehungsweise Vormundschafts-Rechnungen, Gant-Geschäften (Zwangsversteigerungen) und Grundbuchergänzungen. Nach nur vier Jahren, im September 1830, wurde Schnell nach Metzingen versetzt.

Bis zur Jahrhundertwende ergibt sich eine längere Liste von Amtsnachfolgern: 1830 - 1856 Heinrich Wiedersheim, 1856 - 1866 Friedrich Hilpert, 1866 - 1872 Carl Friedrich Oelschläger, 1872 - 1873 Christian Gottlieb Dengler, 1873 - 1882 Johann Jacob Kirn, 1883 - 1885 Gottlieb Häberle, 1885 - 1892 Friedrich Sax und ab 1892 Heinrich Schiemer.

Bevor Schiemer im Mai 1892 das Amtsnotariat Walddorf übernahm, war er Landgerichtsschreiber in Ellwangen. Am 2. Mai 1893 wurde Notar Schiemer sogar noch zum Walddorfer Schultheißen gewählt.
Während Schiemers Amtszeit als Schultheiß ließ die Gemeinde 1899/1900 auf dem südlichen Teil des (Vieh-)Marktplatzes ein Wohnhaus im "Schweizer Chalet"-Stil erbauen, einzig zu dem Zweck, dem Herrn Notar und dem Herrn Distriktsarzt moderne Wohnräume zu bieten. Für den Arzt wurden im "Herrenhaus" außerdem angemessene Praxisräume geschaffen.

Zum 1. Juli 1904 ordnete das königliche Amtsgericht Tübingen die Aufteilung des Notariatsbezirks Walddorf an. Offensichtlich war der Arbeitsaufwand zwischenzeitlich so umfangreich geworden, daß ein einzelner Notar die Amtsgeschäfte nicht mehr bewältigen konnte. Heinrich Schiemer wurde auferlegt, seinen Wohnsitz nach Tübingen zu verlegen. Damit mußte er auch das Amt des Walddorfer Schultheißen aufgeben. Der Notariatssitz Walddorf wurde vorläufig zur Hilfsstelle erklärt. Der Besigheimer Amtsgerichtssekretär Peter Paul Wörz wurde Schiemers nachfolger und damit zum stellvertretenden Bezirksnotar in Walddorf.

Bis 1950 war das Notariat, also Grundbuchamt und Notariatszimmer, in einem einzigen Raum im zweiten Obergeschoß des Walddorfer Rathauses untergebracht. Ab 1950 billigte die Gemeinde dem Notar dauerhaft ein weiteres Zimmer im Rathaus zu, es wurde eine Trennung von Kanzleiraum und Grundbuchamt möglich. Beim Umbau des Walddorfer Rathauses im Jahr 1975 wurden die Kanzleiräume des Notars in das erste Obergeschoß verlegt. Nur kurze Zeit später, 1979 erfolgte schließlich der Umzug in das gemeindeeigene, denkmalgeschützte Gebäude Brühlstraße 2, ein ehemaliges Forsthaus, das der königliche Wildmeister Ernst Friedrich Koch 1780 errichten ließ. Viele Walddorfer kennen das heutige Notariatsgebäude bis in unsere Zeit unter der Bezeichnung "Kasperles"-Haus, so benannt nach einem Besitzer vom Anfang des 20. Jahrhunderts, der den Namen Kaspar Armbruster trug.

Quelle: Festschrift zu 800 Jahrfeier der Gemeinde Walddorf

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