Whoever closes his eyes to the past is blind to the present.
Richard von Weizsäcker

Die Leinenweber dominieren

WeberDer Anbau von Flachs und das folgende Spinnen und Verweben des garns zu grober und feiner Leinwand hatte von jeher einen festen Platz in den ländlich geprägten Regionen Württembergs. Auch unter den Walddorfer Handwerkern spielten die Leinenweber früher eine große Rolle. Neben den vielen anderen Handwerkern gab es "im hiesigen Flecken" eine Vielzahl von Webern. 1729 beispielsweise machten diese ein Viertel der rund 40 Handwerker aus. Mit einem Anteil von 27 Webern waren es 1757 bei 75 Handwerkern schon über ein Drittel. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts schwoll die Zahl der Leinenweber auf über 150 an.

Nachdem Baumwollfabrikate aus ostschweizerischen Textilgebieten auf den Markt drängten, erlitt die württembergische Leinenproduktion allerdings schon in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts erste Einbrüche. Massiv wurden die Einbußen ab 1785 kurz nach Erfindung des mechanischen Webstuhls. Mit diesen Webstühlen konnte die Gewebeproduktion innerhalb kürzester Zeit verdoppelt werden. Infolgedessen wurde der deutsche Markt mit englischer Baumwolle überschwemmt.

Für Württemberg war die Leinenweberei ein äußerst wichtiger Erwerbszweig. Nach Vieh und Getreide stellte Leinwand des drittwichtigste Ausfuhrprodukt Württembergs dar. Der Aufbau einer bedeutenden Baumwollindustrie war schlichtweg unmöglich, denn Württemberg besaß keine überseeischen Kolonien und importierte Baumwolle verteuerte die Enderzeugnisse.

Wie auch in anderen Handwerksberufen wurde auch das Weberhandwerk in manchen Familien über viele Generationen vom Vater zum Sohn weitergegeben. Als beispielsweise der Weber Jacob Bauer 1770 heiratete, brachte er an "Weber und Handwerkszeug" drei Webstühle im Gesamtwert von 18 Gulden mit in die Ehe. Mit seinem Meisterstück hatte er zum Zeitpunkt der Hochzeit gerade begonnen und es wurde geschätzt, daß er rund 15 Gulden für dieses aufbringen muss. Die drei Webstühle hatte er von seinem kurz zuvor verstorbenen Vater, dem Weber Johann Jacob Bauer erhalten. Schon Jacob Nauers Großvater und Urgroßvater waren Weber gewesen. Jacob Bauer hatte keine männlichen Nachkommen, so daß er das Handwerk seiner Vorfahren nicht weitergeben konnte.

Ab etwa dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts ging der Anteil der Weber dann kontinuierlich zurück. Werden im Gewerbekataster von 1877 noch 49 Leinenweber aufgeführt, so sind es 1889 noch 24 und 1902 noch fünf: Christof Armbruster in der Haidlinsgasse, Georg Schilling in der Dettenhausener Straße, Jakob Friedrich Welsch in der Kirchgasse, Johann Georg Wezel in der Bachstraße und Johannes Wild in der Stuttgarter Straße.

Einer der letzten Berufsweber war, wie erwähnt, Johann Georg Wezel in der Bachstraße. Von dessen Frau Rosina Barbara wurde Flachs angepflanzt. Kurz bevor sich die Pflanze gelb färbt, muss Flachs geernetet werden, anschließend kann man die Faserbündel aus den Stängeln herauslösen. Die holzigen Teile zerkleinerte man einst mit der Flachsbreche. An einem "Kamm", einer Art Metallbürste, die an einer Wand oder dem Scheunentor befestigt war, wurden die Fasern dann "geräfft" oder "gehechelt", anschließend versponnen und am Webstuhl zu Tuch verwebt. Die Tuchballen geschultert, begab sich Wezel von Zeit zu Zeit auf einen Fußmarsch nach Metzingen, um das fertige Tuch zur Weiterverarbeitung an die dortigen Textilfabriken zu verkaufen.

Um das Weberhandwerk, das in Walddorf einst so stark vertreten war, im Gedächtnis der Bevölkerung zu erhalten, wurde 1955 im Baugebiet "Untere Gasse" eine Straße danach benannt: Die Webergasse.

Quelle: Festschrift zu 800 Jahrfeier der Gemeinde Walddorf

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