Whoever closes his eyes to the past is blind to the present.
Richard von Weizsäcker

Zwei gewölbte Keller auf Felsen gebaut

LammAlles fing damit an, daß der Dörnacher Lammwirt Johann Jacob Armbruster sein Anwesen in Dörnach verkaufte und nach Walddorf zog, wo er kurz zuvor ein älteres Wohnhaus mit Scheuer im oberen Dorf (Stuttgarter Straße) erworben hatte.
Armbruster ließ das alte Wohnhaus abbrechen und ein neues Gebäude errichten. Am 25.11.1839 erhielt er gegen ein Konzessionsgeld von 10 Gulden für seinen Neubau des "Schildwirtschfts Recht" und konnte sich künftig Lammwirt zu Walddorf nennen.
Da Lammwirt Arbruster sein eigenes Bier braute, war in dem neuen Haus auch eine Malzdörre eingerichtet worden, zu Kühlung des Gerstensafts gab und gibt es auch noch heute "zwei gewölbte Keller auf Felsen gebaut".

Trotz des selbst gebrauten Bieres scheinen die Geschäfte anfänglich nicht allzu gut gelaufen zu sein, denn im Juli 1844 wurde Armbrusters Besitz "vergantet" (zwangsversteigert). Wie die Geschichte des Anwesens zeigt, waren auch die Folgejahre bis 1889 nicht von Beständigkeit geprägt, genau zehn Mal wechselte das Lamm in diesen 50 Jahren den Beitzer.

Da wäre beispielsweise Herr "Verwaltungs-Actuar" Johann Christoph Friedrich Wörner, dem das Gasthaus von 1851 bis 1866 gehörte, 1855 wurde dieser zum Walddorfer Schultheißen gewählt, die Gaststätte einstweilen von seiner Gattin Anna betrieben. Einer Anzeige in der "Tübinger Chronik" von Freitag, den 27. Januar 1865 ist zu entnehmen, was damals im "Lamm" angeboten wurde: "Wein, Ullmer Bier, Caffee, kalte und warme Speisen".
1866 wurde Wörner zum Oberamtspfleger gewählt und zog mit seiner Familie nach Tübingen. Das Gasthaus wechselte erneut den Besitzer.

Ein lebhaftes Bild, wie die Wirtsstube vor 132 Jahren ausgestattet gewesen sein mag, gibt uns eine Inventarliste eines weiteren Verkaufs: "1 Gläserkasten, ein Fass samt Fasslager, 100 Stück Bierflschen, 80 Stück Schoppengläser (Wein), 10 Halbmaß Biergläser, 20 Schoppen Biegläser, 6 Halbschoppen Biergläser, 30 Trinkgläser, 24 Porzellain Teller für Wurst und Käs, 2 Bierböcke, 3 Wirtschaftstafeln, 2 runde Eichene Tische, 1 kleiner Tisch, 1 Wa(a)ge, 3 Erdöllampen, 1 Wanduhr, 2 Schrannen, 2 Bänke und 20 Stück Stühle" wechselten am 17. April 1869 beim verkauf des Gasthauses als Inventarstücke den Besitzer.

1889 erwarb Johann Georg Heim, ein Sohn des Walddorfer Ochsenwirts, zusammen mit seiner Frau Anna Maria das Gasthaus zum Lamm. Heim verstarb allerdings schon fünf Jahre später, seine Wittwe vermählt sich nach entsprechender Trauerzeit mit dem Küfer Johannes Kern. Anno 1896 wurde bei der Scheuer eine Küferwerkstätte errichtet, im September 1904 übernahm der Fuhrmann und Seegrashändler Karl Kern den Gaststättenbetrieb.

Lamm 2009Schon im folgenden Jahr erstanden Gottlieb Wezel und seine Frau Marie, geborene Armbruster den Gasthof. Am 01.07.1905 wurde der Wirtschaftsbetrieb neu aufgenommen, fünf Tage nach der Hochzeit des jungen Paares. 1908 entstand an der Rückseite des Wirtshauses eine kleine Metzgerei als Anbau, die "Metz". Als der lammwirt 1930 im Alter von nur 52 Jahren starb, erhielt seine Wittwe den Wirtschafts- und Metzgereibetrieb mit Hilfe ihrer Kinder aufrecht. 1931 wurde das benachbarte haus erworben, abgebrochen und dafür ein rund 120 Quatratmeter großer Wirtschaftssaal erstellt. "Obwohl schon einge Saale bei hiesigen Wirtschaften vorhanden sind", so heißt es im Gemeinderatsprotokoll, "war es immer ein mangel, daß die Wirtschaft zum Lamm, die zu den bestbesuchtesten am Ort gehört, keinen Saal und daher ungenügende Räumlichkeiten hatte".
Kurz nahc seiner heimkehr aus russischer Kriegsgefangenschaft übernahm 1950 der Sohn Gottlieb Wezel mit seiner Frau Rosa das Gasthaus und die Metzgerei zunächst pachtweise. Noch im selben Jahr wurde die Gaststätte modernisiert, der Wirtschaftsbetrieb in den Folgejahren noch mehr ausgebaut. 1953 entstand in der Scheuer ein weiterer kleiner Wirtschaftssaal. Mitte der 60er Jahre übernahmen Gottlieb und Rosa Wezel das Anwesen schließlich, 1965 bauten sie am Gässle ein neues Metzgrei-Ladengeschäft.

Das "Lamm" war für manchen eine zweite Heimat und für Walddorf war es nicht selten Dreh- und Angelpunkt des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens. Nach Rosa Wezels Tod 1974 übernahmen ihr Sohn Gottlieb Wezel und dessen Frau Gabriele die Metzgerei pachtweise. Das Gasthaus bewirtschafteten in den Folgejahren unterschiedliche Pächter. Der Metzgereibetrieb wurde 1989 aufgegeben, das gesamte Anwesen schließlich 1992 verkauft.

Quelle: Reutlinger Generalanzeiger vom 14.07.2001

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