Whoever closes his eyes to the past is blind to the present.
Richard von Weizsäcker

Das Gasthaus zum Ochsen von 1715 bis heute - über 280 Jahre in der Hand der Familie Heim

Ochse, Blick zur BrückeMalerisch spannt sich ein hölzerner, überdachter Gang über die Walddorfer Rathausgasse. Diese Brücke führt vom Hauptgebäude des Gasthofes zum Ochsen in den Wirtschaftssaal (Tanzsaal) des gegeüberliegenden Nebengebäudes.

In einer Teilungsurkunde vom 14.12.1715 ist die Rede von Johannes HeimStammvater (Urgroßvater in 8. Generation), Metzger und "Ochsenwürth". Zu Heims Besitz gehörte "ein klein Häußlein bey der Wettin" sowie "eine Behaußung, Scheuren und Krautgardt, bey der Wettin, neben der gemeinen Straß und Jacob Armbruster". Im Jahr 1729 erwarb der jüngste Sohn Johann Georg Heim die Gebäude aus dem Nachlass seiner Eltern. 1730 wurde offensichtlich das "klein Häußlin" abgebrochen und die erwähnte "Behaußung" vergößert. So entstand das Hauptgebäude Rathausgasse 6.
Das Anwesen wird 1756 wie folgt beschrieben: "Eine Behaußung und Scheuren am Wettenbach bey der Bruck ... Zwei ganze Scheuerlen, nebst einem gantzen Keller dabey, der unter Jacob Eisenhardts Scheuer hineingeht, über der Gaß, neben dem Wettenloch ..."

Der Metzgermeister, Ochsenwirt und Gerichtsverwandte Johann Georg Heim und seine Ehefrau Anna Barbara, geb. Gaiser waren sehr begüterte Walddorfer Bürger. Neben dem Anwesen des Ochsen besaßen sie noch ein weiteres großes Gehöft hinter der Kirche (G.-Werner-Str.28).

Nach dem Tod von Johann Georg und seiner Frau erbte der einzige Sohn Johann Ludwig Heim den gesamten Besitz. Von seinen Geschwistern war keines älter als 5 Jahre geworden. Mit 22 Jahren hatte sich Johann Ludwig mit Barbara Neuscheler, der Tochter des Rommelsbacher Bürgermeisters verheiratet. Sie hatten gemeinsam 16 Kinder von denen 6 das Erwachsenenalter erreichten.

Ochse, SaalSchon kurz nachdem der Ochsen in den Besitz von Johann Ludwig Heim übergegangen war, kam es zu baulichen Veränderungen. Er ließ 1765 die beiden erwähnten Scheuerlen, die östlich der Rathausgasse standen, abbrechen und dafür "ein neues Haus und Scheuer unter einem Dach" (Rathausgasse 3) errichten. Südlich vom Gasthaus hatte der Ochsenwirt im selben Jahr zudem ein freistehendes
Wasch-, Back- und Dörrhaus erbauen lassen.

Anno 1787 erhielt der Sohn Carl Heim von seinen Eltern die Hälfte des Ochsen, im März 1797 übernahm er schließlich das gesamte Anwesen. Er hatte 1784 die Tochter des Deufringer Schultheißen Anna Maria Kuom geheiratet.
1814 wurde die Familie des Ochsenwirts von einem Schicksalsschlag heimgesucht. Der damalige Walddorfer Unterförster Karl Schweller hatte sich in die Tochter des Ochsenwirts Catharina verliebt. Die Eltern hatten jedoch die Beziehung untersagt, weil Schweller keine akzeptable Partie für die Tochter darstellte. Aus Wut erschoß Schweller mit seiner Doppelflinte zuerst Catharina und dann sich selbst.

Ochse, ScheuneNachdem schon Carl Heims Eltern der wohlhabenden Walddorfer Ehrbarkeit angehört hatten, war der Ochsenwirt damals nach "Wildmeister" Ernst Friedrich Koch der zweitreichste Mann im Dorf.
1822 wurde die zum Gasthaus gehörige Scheuer (Rathausgasse 6a) abgebrochen und mitsamt einem gewölbten Keller neu aufgebaut. Im Jahr seiner Hochzeit mit Maria Jakobina Gaiser 1825 erwarb der Sohn Johann Ludwig Heim die Hälfte des elterlichen Anwesens und nach dem Tod der Mutter 1833 den gesamten Besitz.
Mit Johann Ludwig Heim endete 1857 die direkte Erblinie der Ochsenwirte. Das Anwesen fiel nach dem Tod des Ochsenwirts gemeinschaftlich an dessen Schwiegersohn und gleichzeitig Neffen (Sohn seiner Schwester Maria Barbara) Karl Heim und die einzige Tochter aus dieser Ehe Marie Sophie Friederike. Karl Heim wurde später in den Personaladel erhoben und durfte sich Karl von Heim nennen (später Stadtschultheiß von Ulm). Marie Sophie Friederike verheiratete sich 1875 mit dem Ulmer Kommerzienrat Ferdinand Bürglen. Karl und Marie Sophie Friederike Heim veräußerten den Walddorfer Besitz an Karls Bruder Wilhelm Ludwig Heim und dessen Frau Anna Katharina, geb. Heim. Wilhelm Ludwig Heim hatte den Gasthof wohl schon seit zahlreichen Jahren bewirtschaftet, denn in den Akten wird er schon 1861 als Ochsenwirt erwähnt.

Gasthaus zum OchsenAus dem Jahr 1861 sind Pläne für einen größeren Umbau des Nebengebäudes (Rathausgasse 3) vorhanden. So ragte offenbar der Südgibel des 1765 erbauten Gebäudes über die Ufermauer des Wettenbaches hinaus. Ochsenwirt Heim ließ nun die Ufermauer begradigen und gleichzeitig den Südgibel neu errichten. Bei diesem Umbau wurde im Erdgeschoss des Nebengebäudes ein Schafstall und im ersten Obergeschoss ein beheizbarer Tanzbarn eingerichtet. Vermutlich entstand bei dieser Umbaumaßnahme auch der überdachte Gang über die Rathausgasse, denn dieser wird in den Archivalien 1862 erstmals ausdrücklich genannt. In dieser Zeit wurde der "Ochsen" zu einem beliebten Ziel für Sonntagsausflüge Tübinger Studenten.

Nach Wilhelm Ludwig Heims Tod bewirtschaftete dessen Wittwe das Gasthaus bis zu ihrem Ableben 1911 weiter, anschließend übernahm deren einziger Enkel Jakob Heim das Gasthaus. Jakob Heim starb jedoch bereits 1918. Seine Wittwe Karoline Heim führte das Gasthaus bis Ende der 1930er Jahre, bis schließlich der einzige Sohn Karl und dessen Frau Emma das Wirtshaus übernahmen.

Inzwischen wird schon seit Jahren kein Bier mehr ausgeschenkt. Die Wirtsleute sind beide tot. Die Vorentwürfe für die Sanierung der Walddorfer Ortsmitte sehen derzeit den Abbruch des gesamten "Ochsen-Anwesens" vor. (Stand 2009, der Ochse steht zum Verkauf)

Quelle: Reutlinger Generalanzeiger vom 09.03.2002

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