Wer vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart.
Richard von Weizsäcker

Gustav Albert Werner (* 12. März 1809 in Zwiefalten; † 2. August 1887 in Reutlingen) war evangelischer Pfarrer und Gründer der „Gustav-Werner-Stiftung“.

 

Leben


Gustav WernerGustav Werner wurde 1809 als ältestes von sechs Kindern des späteren Finanzdirektors von Reutlingen, Johannes von Werner, und dessen Ehefrau, Friedericke Christiane (geb. Fischer) in Zwiefalten geboren. Von 1815 bis 1817 lebte er bei seinen Großeltern in Münsingen, anschließend kam er zu seinem „Oheim“ nach Göppingen. Von 1823 bis 1827 absolvierte Gustav Werner das Evangelische Seminar (Gymnasium) im Kloster Maulbronn und studierte von 1827 bis 1832 Theologie am Tübinger Stift. Anschließend ging er als Privatlehrer nach Straßburg. Dort machte er Bekanntschaft mit dem sozialdiakonischen Lebenswerk von Johann Friedrich Oberlin, das er sich zum Vorbild nahm. Bald fügte er seinem "Rettungshaus" einen Handwerksbetrieb hinzu. 1855 wurde die Anstalt erstmals Bruderhaus genannt, bevor 1881 die Stiftungsurkunde der Gustav-Werner-Stiftung zum Bruderhaus abgefasst wurde. Drei Jahre vor seinem Tod wurde Gustav Werner 1884 die Ehrenbürgerwürde der Stadt Reutlingen verliehen.

Es entstanden in Reutlingen auch die Maschinenfabrik zum Bruderhaus und die Papiermaschinenfabrik zum Bruderhaus. Zudem wurde 1861 in Dettingen an der Erms die Papierfabrik zum Bruderhaus eröffnet, die 1981 an Arjowiggins verkauft wurde.

2004 fusionierte die Gustav-Werner-Stiftung zum Bruderhaus mit der Haus am Berg GmbH, Bad Urach, und fungiert seither als BruderhausDiakonie. Stiftung Gustav Werner und Haus am Berg mit Sitz in Reutlingen.

 

Gustav Werner in Walddorf


Als Gustav Werner 1834 als Vikar nach Walddorf kam, kränkelte sein Pfarrherr, Professor Philipp Gottlieb Landerer, schon seit geraumer Zeit. Der Herr "Vikarius" bekam sein Zimmer im Erdgeschoß des Pfarrhauses zugewiesen und er stürzte sich mit unermüdlichem Tatendrang in seine Aufgaben. So versuchte Gustav Werner (1809 - 1887) seine Gemeindekinder in leiblicher wie in seelischer Not zu unterstützen. Schon nach der ersten Predigt urteilte der Walddorfer Schultheiß Johann Georg Heim: "So hent mr no koin ghet".

Gustav Werners Predigten waren unkonventionell, lebendig und volkstümlich, sie rüttelten auf. Der Vikar wollte seinen Zuhörern deutlich machen, daß der Glaube an Jesus Christus kein Gnadenpolster zum Ausruhen sei, sondern daß wahrer Glaube sich in Liebe bestätigen müsse. Bald strömten Leute aus der ganzen Umgegend nach Walddorf zum Gottesdienst um das "Vikärle" predigen zu hören. Von Reutlingen bis Stuttgart erhielt Gustav Werner Einladungen zu Vorträgen. Pfarrer Landerer war von der Beliebtheit seines Vikars offensichtlich wenig erbaut. Immer häufiger übernahm der Pfarrer kurzfristig den sonntäglichen Gottesdienst und zur begrüßung der Gemeinde hieß es dann: "Heut predige ich, da könnt ihr ja gleich wieder heimgeh`n!"

An Ostern 1837 gründete Gustav Werner in Walddorf eine Kleinkinder-, wenige Wochen später eine Industrieschule. Charlotte Nagel, eine Walddorfer "Krämerladenbesitzerin", stellte dem Vikar zwei Zimmer in ihrem Haus (Gustav-Werner-Strasse 21) zur Verfügung. Anlässlich der Gründung der Kleinkinderschule wurde, zur gößten Freude der Kinder, eine kleine Einweihungsfeier abgehalten. Johann Louise Wiedersheim, die Frau des königlich-Württembergischen Amtsnotars in Walddorf und Caroline Müller, eine der Töchter der Walddorfer Pfarrersgattin aus deren erster Ehe, bereiteten Dampfnudeln zu, die Pfarrersfrau Eberhardine Friederike Landerer stellte Unmengen von gekochten "Birnenschnitz" und Zwetschgen her. Je zwei Kinder aßen die süße Speise gemeinsam aus einem Tellerchen. Nach dem Festmahl wurde ein kleiner Lichter-Umzug mit Gesang vor der Kirche abgehalten.

Als Lehrerin gewann Vikar Werner die unverheiratete Walddorfer Bürgertochter Maria Agnes Jakob genannt "Bäsle". Das "Bäsle" war Näherin und hatte vor der Aufnahme der Arbeit in der Kleinkinder- und Industrieschule ein Seminar in Tübingen besucht und in Reutlingen das Anfertigen von Strick- und Häkelarbeiten gelernt. Unterstützt wurde sie in der Kleinkinderschule von ihrer Nichte, dem "Rosabäbele" Rosina Barbara Jakob.

Schon bald wurde die Walddorfer Kleinkinderschule von 80 bis 100 Kindern besucht. Auf dem "Lehrplan" standen Singen, Auswendiglernen von leichten Psalmen, Sprüchen und Liedern, Zählen, Malen auf die Tafel, Buchstabenkenntnis und Geschichtenerzählen, vor allem aus der heiligen Schrift. Für Spielzeug war in geringen Mengen ebenfalls gesorgt.

In der Industrieschule kamen die älteren Mädchen gegen 15 Uhr und blieben bis 19 Uhr. Maria Agnes Jakob unterrichtete ihre Schützlinge in Strick- und Häkelarbeiten sowie im Spitzenklöppeln. Beihilfe erhielt sie von Barbara Welsch (dem "Bäbele"). Schon bald reichten die Räumlichkeiten im Nagel`schen Haus nicht mehr aus. 1839 als die Gemeinde auf dem Kirchhof ein Gemeindebackhaus errichten ließ, wurde Gustav Werner gestattet, auf eigene Kosten, ein Geschoß aufzusetzen, um darin seine Anstalten unterbringen zu können.

Um Weihnachten 1839 nahm Gustav Werners Walddorfer Zeit schließlich ein trauriges Ende. Durch die zunehmende Predigertätigkeit, die in beträchtlichem Maße auch dem Spenden-Sammeln für die Walddorfer Anstalt diente, geriet der Vikar in einen Konflikt mit dem Oberkirchenrat. Ende 1839 sprach der Oberkirchenrat dann sein Veto aus. Werner verzichtete auf eine Laufbahn als Pfarrer und verließ Walddorf am 14.02.1840 mit dem "Bäsle", dem "Bäbele" und zehn Kindern in Richtung Reutlingen. Das "Rosebäbele" hingegen erhielt den Unterricht in der Kleinkinderschule noch weitere drei Jahre aufrecht, bia auch sie im Jahre 1843 nach Reutlingen ging.

Quelle: Reutlinger Generalanzeiger vom 17.04.2002

 

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