Wer vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart.
Richard von Weizsäcker

Seit Jahrhunderten haben Deutsche die weiten Gebiete Russlands besiedelt. Die Siedlungsgebiete mit der höchsten Konzentration von Deutschen lagen an den Wolgaufern, am Schwarzen Meer, in Bessarabien und in Wolhynien. Kleinere Siedlungsgebiete waren an der Ostsee um St. Petersburg und im Kaukasus. Später wurden viele dieser Siedler jedoch verbannt und mussten sich in Sibirien oder Kasachstan niederlassen. Die meisten dieser Deutschen waren Protestanten (Lutheraner) oder Mennoniten. Die Siedler in manchen Gebieten schlossen jedoch auch Juden, Katholiken, Baptisten und Mitglieder der Reformierten Kirche und der Herrnhuter Brüdergemeinen (Moravier) ein. Die Siedler kamen aus vielen Provinzen Deutschlands, aus Polen, Ungarn und manchen andere Region Europas.

Wegen der enormen Grösse Russlands ist auch die Geschichte der dort lebenden Deutschen vielseitig und komplex. Deutsche lebten über mehrere Jahrhunderte hinweg in verschiedenen Teilen des russischen Zarenreichs, so dass sich ihre Geschichte am besten mit den Auswanderungswellen beschreiben lässt.

Die Zarin Katharina II. die Große, die aus dem Hause Anhalt-Zerbst stammte, ließ im Jahre 1763 in Deutschland Siedler anwerben. Diese Kolonisten sollten das brachliegende Land südöstlich von Moskau, besonders entlang der Wolga, urbar machen. Mehrere Zugeständnisse sollten dies zu einem verlockendem Angebot machen: Befreiung von verschiedenen Steuern und Abgaben, Selbstverwaltung der Städte, Religionsfreiheit, Befreiung vom Militärdienst, um nur einige zu nennen. Es ist einzusehen, wie attraktiv dieses Angebot für die Deutschen war, welche damals in ihrem Land wegen der Feudalherrschaft unter Armut, Hunger, Arbeitslosigkeit, Krieg, religiöser Verfolgung und der Tagespolitik zu leiden hatten. Das Ausmaß der Auswanderungswellen war so groß (allein 4000 Familien im Jahre 1767), daß zukünftige Abwanderungen vom deutschen Kaiser Joseph II. verboten wurden. Die Besiedlung der Wolga endete praktisch in dieser Zeit. In diesen vier Jahren waren über 25000 Deutsche ausgewandert, vorwiegend aus Hessen und den südwestlichen Ländern, teilweise auch aus anderen Gebieten.

In den nächsten Jahren erweiterte Katharina die Große das russische Territorium durch die Eroberung von türkischen Gebieten im Süden und von polnischen Gebieten im Westen beträchtlich. Katharina wollte wieder, daß Deutsche bei der Entwicklung der neuen Gebiete helfen sollten, besonders in den Gegenden im Norden des Schwarzmeerdeutsche. Diesmal wandte sie sich an die Mennoniten in Westpreußen. Mennoniten sind eine pazifistische Konfession. Friedrich Wilhelm II. forderte hohe Geldbußen als Ersatz für den Militärdienst, und er zwang die Mennoniten, an die etablierte Lutherische Kirche den Zehnten für Ländereien zu bezahlen, die sie früher von den Lutheranern erworben hatten. Russland war für sie durch das Angebot, vom Militärdienst befreit zu werden, besonders attraktiv. 1789 kamen 228 Mennoniten-Familien in Chortiza am Dnjepr an. Ihnen war in dieser Gegend schon eine kleinere Gruppe von Lutheranern vorausgegangen. Die Mennoniten wanderten während der nächsten 80 Jahre weiter in diese Gegend ein, und Tausende weiterer Familien folgten dem Aufruf. Tausende anderer Deutscher folgten den Mennoniten. Lutheraner und Katholiken strömten in das Gebiet, vor allem nach den Napoleonischen Kriegen (1803 bis 1810). Sie kamen nicht nur aus den südwestdeutschen Staaten, sondern auch aus Westpreußen, Ungarn und Polen. Hunderte von deutschen Kolononien schossen in einem Halbkreis um Odessa in der jetzigen Ukraine aus dem Boden.

Ein weiterer Krieg mit der Türkei brachte Russland ein zusätzliches Gebiet, Bessarabien an der Westseite des Schwarzen Meeres, ein. Um 1816 kamen mehr als 1500 deutsche Familien, meist aus Polen, in diese Gegend. Die Einwanderungen gingen weiter und die Bevökerung wurde durch Menschen aus Baden, Württemberg, Hessen und dem Elsaß erhöht. Weitere Kolonialisierungen fanden nördlich des Asowschen Meeres, auf der Krim und im Kaukasus statt.

Die deutsche Besiedlung Wolhyniens erfolgte nur sehr sporadisch. Eine der ersten Siedlungen war Kortez im Jahre 1783. Einige Bauerndörfer entstanden bis 1793, aber die meisten Siedler zogen in den nächsten Jahrzehnten weiter zu den Schwarzmeergebieten. Die erste dauerhafte Siedlung entstand 1816, aber die typische Abwanderung hielt noch bis 1830 an. Die Gründe für die Abwanderung waren sehr verschieden. Der polnische Landadel, der nach der russischen Okkupation Land zurückbekam, suchte nun erfahrene Bauern zur Kultivierung der Landgüter. Diese Immigranten hatten keine besonderen Privilegien, abgesehen von denen, die lokal gegeben wurden. Es war der Landmangel in ihrer alten Heimat, der die Deutschen veranlaßte, in diese Gegend zu gehen. Im Jahre 1860 waren es gerade einmal 5.000 Menschen in 35 kleinen Dörfern. Aber mit der Abschaffung der Leibeigenschaft 1861 und dem fehlgeschlagenen polnischen Aufstand von 1863 begannen Deutsche in grosser Zahl in diese Gebiete zu strömen. Im Jahr 1871 waren es über 28.000 und zur Jahrhundertwende über 200.000, die in Wohlhynien lebten. Die meisten von ihnen kamen aus Polen, weniger aus Würtemberg, Pommern, Ostpreußen, Schlesien und Galizien.

Die russische Politik hatte sich während dieser 100 Jahre dramatisch geändert und es dauerte nicht mehr lange, bis die Deutschen die Freiheiten und Privilegien verloren, die ihnen einst gewährt worden waren. Die Mennoniten warten die ersten, die in großer Zahl gingen. Sie mußten für Russland Militärdienst leisten, so daß Tausende von ihnen ab 1870 nach Nord- und Südamerika auswanderten. Als die Verfolgung der Deutschen fortgesetzt wurde, indem sie das Recht auf ihre eigene Sprache und ihr Eigentum verloren, folgten viele andere nach. Während des Ersten Weltkrieges erreichte die Stimmung gegen die Deutschen einen Höhepunkt und viele wurden in östliche Gebiete nach Kasachstan und Sibirien vertrieben. Nach dem Krieg kehrten einige von ihnen in ihre Heimatländer zurück, andere blieben in diesen neuen Gebieten mit der Hoffnung, ein neues Leben beginnen zu können. Wiederum andere gingen ostwärts über China weiter nach Australien oder Amerika. Nach dem Zweiten Weltkrieg war es den Deutschen nicht länger erlaubt, in ihre Heimat zurückzukehren. Sie mußten entweder im Osten bleiben oder nach Deutschland zurückkehren.


Quellen:

1. Genwiki: Dieser Artikel basiert auf dem Artikel Russland aus dem Genealogiewiki Wikipedia und steht unter der Doppellizenz GNU-Lizenz für freie Dokumentation. Im Genealogiewiki ist eine Liste der Autoren verfügbar. [Stand 09.05.2012]

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