Wer vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart.
Richard von Weizsäcker

Demografie
Um 800 lebten im heutigen Deutschland etwa 5 Menschen pro Quatratkiometer. 1150 bereits 15, 1350 schon 25. Erst die Pest stoppte die Bevölkerungszunahme. Die Bevölkerungszahl sank und stagnierte dann bis Ende des 15. Jahrhunderts bei etwa 18 Einwohnern pro Quattratkilometer. Insgesamt etwa 4,5 Millionen Menschen.
Auf Grund der hohen Kindersterblichkeit liegt die Lebenserwartung durchschnittlich bei 30 bis 40 Jahren.
Männer werden oft 60 Jahre oder älter.

Lebensbedingungen
Die Menschen glaubten, daß jeder an seinen Platz gehört. Über allem stand Gott, dann kamen Kaiser und König, dann die Lehnsherren und die Ritter, schließlich die Bauern. Charakteristisch waren eindeutige Autoritäts- und Abhängigkeitsverhältnisse. Es herrschte Lehnswesen. Alle Menschen wurden in einen bestimmten Stand geboren und verblieben zeitlebens in ihm. Er prägte ihr Verhalten und ihre Lebensform.
Auch innerhalb des jeweiligen Standes gab es eine hierarchische Ordnung - so bestimmte zum Beispiel die Größe des Hofes, wo ein Bauer in der Kirche oder Dorfwirtschaft saß, mit wem er Umgang pflegte, wen er heiraten konnte und welche Aussteuer von seinen zukünftigen Schwiegereltern erwartet wurde. Sitte und Tradition waren unangefochten, festigten die Gesellschaftsordnung, prägten Tun, Wollen und Gemüt des Einzelnen.
Um ihr großes Reich zu verwalten, verliehen die Könige und Kaiser Land an ihre Gefolgsleute. Als Gegenleistung bekamen sie Soldaten gestellt. Die Lehnsmänner gaben meist Ihrerseits Land an ihre Lehnsleute ab. Doch nicht nur Land mit den darauf lebenden Menschen wurde verliehen, sondern auch Markt-, Zoll- oder Münzrechte. Wer wessen Lehnsherr sein durfte, war genau festgelegt. Bauern, Handwerker und Frauen konnten kein Lehn bekommen.
90 Prozent der Bevölkerung sind "Unfreie" Bauern. Die gehören ihrem Grundherren unter dessen Schutz sie standen. Sie müssen Abgaben, wie Getreide, Fleich, Milch und Anderes, an ihren Grundherren leisten und müssen Frondieste leisten. Sie dürfen nicht wegziehen und nur mit Einverständnis des Grundherren heiraten. Noch schlimmer ging es den Leibeigenen. Sie hatten keine Rechte und wurden wie Vieh behandelt. Meist arbeiteten sie als Knechte und Mägde.
Die produzierten Lebensmittel reichten gerade für den eigenen und den regionalen Bedarf. Meist befanden sie sich die Menschen am Rande des Existenzminimums. Hunger und Krankheiten sind eine ständige Bedrohung. Soziale Stiftungen und Spitäler kümmern sich um Bedürftige.
Holz oder Fachwerk mit Lehm sind die Materialien aus denen die meisten Häuser bestehen. Nur Kirchen, Burgen oder Rathäuser baut man ganz aus Stein. Zu Beginn des Mittelalters wird noch mit kleinen fenstern und dicken Mauern gebaut.
Im Vergleich zur Kleinfamilie der Gegenwart war das "Haus" - der Begriff "Familie" wurde erst nach 1700 verwendet - eine Lebensgemeinschaft, die neben der Bauernfamilie vielfach unverheiratete Verwandte und Gesinde umfasste.
Die Mitglieder einer Lebensgemeinschaft wohnten zumeist in Häusern mit ein bis drei Räumen, von denen einer mit dem Vieh geteilt wurde. Somit lebten die verschiedenen Geschlechter und Altersstufen auf engstem Raum zusammen, schliefen zu mehreren in einem Bett und erlebten einander bei den intimsten Verrichtungen. Dementsprechend gab es keine Privatsphäre
Vor allem im Sommer stand man früh auf, zwischen vier und fünf Uhr morgens. Bevor es das erste Essen gab, hatten die Bauern schon etliche Stunden gearbeitet. Auch die Kinder arbeiteten schon in jungen Jahren auf dem Feld mit. Viele Kinder starben jung. Die Menschen waren Krankheiten und Seuchen ausgeliefert und erlebten immer wieder Überfälle durch die Feinde ihrer Grundherren.

Bekleidung
Für alle Stände gab es festgelegte Regeln. Eine reiche Bäuerin durfte sich nicht wie eine adlige Dame kleiden und enge, ausgeschnittene Kleider, Pelze oder teuren Schmuck tragen.
Um 800 - 1100 bevorzugten die Männer einen gegürteten Ärmelrock mit Kopfloch und trugen darüber ein Pelz- oder Lederwams, oder einen langen Mantel. Um die Beine zu verhüllen, trugen sie Hosen oder umwickelten die Beine mit Beinbinden. Die Frauen legten ein langes, weit fallendes und in Falten liegendes Kleid mit einem großen Kopfloch an, welches über den Hüften gegürtet wurde. Der ärmellose Mantel lag über den Schultern. Das Haar bedeckte ein langer Schleier.
Um 1130 waren Männer- und Frauenkleider kurzfristig kaum zu unterscheiden. Beide trugen einen langen Rock, ähnlich wie eine Tunika und darüber einen langen Mantel, der von einem Fürspan, einer aufwendig gestalteten Schnur oder Kette, gehalten wurde. Der Oberrock hatte entweder keine Ärmel oder sehr lange, deren Öffnungen bis auf den Boden reichten. Die Frauen trugen außerdem noch Halbstrümpfe oder Beinbinden. Als Fußbekleidung dienten Bund- oder Schlupfschuhe.

Familienleben
In der Eltern-Kind-Beziehung spielten Gefühle eine geringere Rolle. Die Tatsache, dass ein Säugling die ersten ein, zwei Lebensjahre mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht überleben würde, mag erklären, weshalb die Eltern beim Tod eines ihrer Kinder weniger Trauer zeigten, Er war ein durchaus "normales" Ereignis. Zudem konnte damit gerechnet werden, dass bald ein anderes Kind an die Stelle des Gestorbenen treten würde, da Methoden der Empfängnisverhütung unbekannt waren. Der häufigere Tod von Kindern und Müttern (insbesondere im Kindsbett) prägte auch die Familienstrukturen: So wuchs ein Großteil der Kinder mit Halb- und Stiefgeschwistern auf, gab es große Altersunterschiede zwischen ihnen.
Säuglinge wurden ein bis zwei Jahre und länger gestillt und gewickelt. Zumeist wurde auf ihre Pflege und Erziehung aufgrund der hohen Arbeitsbelastung der Eltern und einem fehlenden Bewusstsein für Erziehung nur wenig Zeit verwendet.
Sobald Kinder laufen und von den Händen Gebrauch machen konnten, wurden sie übergangslos zu den Erwachsenen gezählt, trugen dieselbe Kleidung und teilten ihre Arbeit. Falls sie die Erwartungen der Eltern nicht erfüllten, mussten sie mit schweren Körperstrafen rechnen.
Hatten aber die Kinder die ihnen aufgetragenen Aufgaben erledigt, so konnten sie ohne nennenswerte Kontrolle der Eltern auf dem Gehöft, im Wald oder auf den Wiesen herumtollen, basteln und spielen.
Bauernmädchen wurden oft schon mit 13 Jahren verheiratet, um so früh wie möglich Kinder zu bekommen. Damit wollte der Grundherr sicherstellen, daß ihm genügend Untertanen nachwuchsen.

Industrie und Landwirtschaft
Die Dreifelderwirtschaft mit Fruchtwechsel setzt sich durch. Seit dem 14. Jahrhundert wird außerdem mit Kalk gedüngt. Immer mehr Wälder werden gerodet. Das heutige Landschaftsbild - abwechselnd Äcker, Weiden, Dörfer, Wälder - entsteht.
Die Landbevölkerung war von den Jahreszeiten und vom Wetter abhängig. Auf den Tisch kommt, was die felder ihnen liefern. Vor allem Getreidespeisen, wie ungesäuertes Brot aus Roggen, Brei aus Hafer oder Hirse, dazu Milch, Käse, Eier, haltbares Sauerkraut, Obst und Gemüse, Fisch und selten einmal Fleisch. Brot wird zum Massenprodukt.
Im späten Mittelalter verzehrt die Bevölkerung pro Kopf 100 Kilo Fleich pro Jahr. In den Städten gibt es sogar für Arbeiter und Knechte zwei Fleichmahlzeiten am Tag.
Das Getränk der Bayern ist im 13. Jahrhundert nicht Bier, sondern Birnenmost, ansonsten gibt es Wein und Met.
Die Energieausnutzung wird immer besser. Wassermühlen mahlen nicht nur das Getreide, sondern treiben auch Eisenhämmer und Sägewerke an. Ab 1200 kommen Windmühlen hinzu.
Um 1100 bringen italienische Kaufleute das Papier von China nach Europa. Die ersten deutschen Papiermühlen entstehen um 1390. Das Handspinnrad mit Tretantrieb und der breite Zwei-Mann-Trittwebstuhl steigern die Textilproduktion erheblich. Zur Metallgewinnung setzt man mit Kohle befeuchtete Hochöfen ein. Eisen wird jetzt verzinkt um es gegen Rost zu schützen.

Handel
Neben dem Kleinhandel zur Versorgung der Städte gewinnt der Fernhandel an Bedeutung. Auf inzwischen festen Routen werden Tuche, Schmuck, Eisenwaren, Wein, Getreide, Salz und Schiffe exportiert.
Importiert werden Gewürze, Pelze, Wachs, Teer und Holz.
Die Kaufleute der Hanse kontrollieren den Handel im Nord- und Ostseeraum.

Stadtleben
Der Begriff "Stadt" taucht im 12. Jahrhundert erstmals auf. Die Zeit der Stadtgründungen beginnt. Stadtluft macht frei. Wer sich ein Jahr dort aufgehalten hat, auf den hat sein Herr keinen Anspruch mehr. Um 1150 gibt es im Reich etwa 200 Städte. In den Städten spezialisierten sich die Handwerker, schlossen sich zu Zünften zusammen. Es etablierten sich zum ersten Mal Dienstleistungsbetriebe wie Badehäuser oder Pensionen.
Der Alltag zeigte wenig urbanen Chic. Man hauste in Holzhäusern. Die winzigen Fenster wurden mit Tierblasen, gegerbter haut, Pergament, geöltem Papier oder einfach durch Holzläden verschlossen. Glas, importiert aus venedig, war teurer Luxus. Neben Truhen, Tischen und Bänken waren betten die einzigen Möbel. Die Betten waren so kurz, daß die Menschen fast im sitzen schlafen mussten. Um den knappen Platz besser zu nutzen, ragte das Obergeschoß häufig über das Erdgeschoß hinaus und nahm den engen gassen Licht und Luft.
In den Städten stank es bestialisch. Der Müll wurde einfach auf die Straße gekippt. Die Wege waren ungepflastert und von einer zähen Schlammschicht überzogen. Um überhaupt gehen zu können, bauten die Bepohner Brettersteige oder benutzten in Schrittlänge aufgestellte breite Steine.
Das Geschäft erledigte man häufig in Verschlägen über stinkenden Kanälen oder Flüssen. Toilettenpapier war unbekannt. Man griff zu Blättern, Gras Mooszöpfen oder Stroh.

Gerichtsbarkeit
Außerhalb der außerhalb der Stadtmauern befand sich die Richtstätte. Urteile wurden öffentlich vollstreckt. Die Strafen waren Rädern, Hängen, Enthaupten, Verbrennen, Ertränken, Sieden und lebendig Begraben. Todeswürdige Vergehen waren zum Beispiel Betrug, Ehebruch, Diebstahl, Mord, Raub und Kindstötung.

Sprache und Schrift
Es gibt keine einheitliche Sprache. Man spricht - und schreibt - Mundart. Die Gelehrten des Vatikans unterscheiden Niederdeutsch im Norden, Oberdeutsch, später Hochdeutsch in der Mitte und im Süden sowie Böhmisch. Ab dem späten 14. Jahrhundert entwickelt sich langsam eine einheitliche hochdeutsche Schriftsprache.

Bildung
Fast alle waren ungebildet, nur in den Klöstern las man lateinische Bücher, die mühsam von Hand kopiert wurden. Es gab nur kirchliche Schulen, entweder in Klöstern oder in Domschulen. Lesen und Schreiben lernten nur Priester oder Mönche. Für alle anderen war das unwichtig. Die armen Leute, wie z.B. Bauern oder Handwerker, mussten nicht Lesen, Schreiben oder Rechnen können. Die Kinder mussten zu Hause mithelfen und den Beruf der Eltern lernen.
Im 13. Jahrhundert wurden in den kleinen Städten Schulen gebaut. Den Unterricht nannte man Elementarunterricht. Die Schüler hatten keine Hefte. Sie schrieben auf Holztafeln oder Wachsplatten. Man schrieb mit spitzen Griffeln aus Holz, Metall oder Knochen. Der Lehrer hatte eine Rute in der Hand. Wenn einer falsch geschrieben, gesungen und gerechnet hatte, gab es Prügel vom Lehrer.

Militär
Die Ritter und ihr militärisches Gefolge ziehen mit Kettenhemden oder Schuppenpanzer, Helmen und großen Schilden in die Schlacht. Das zweischneidige Schwert mit der etwa einen Meter langen Klinge ist die Hauptwaffe der Ritter im 12. Jahrhundert.
Soldaten haben Streitäxte, später auch Schwerter und Spieße. Als Fernwaffen dienen die Armbrust, Pfeil und Bogen und die "Blinde", eine riesige Steinschleuder, die Stadtmauern brechen kann. Die ersten Feuerwaffen tauchen um 1325 in Europa auf.


Quelle:

1. Fiedler, Teja und Goergen, Marc: "Die Geschichte der Deutschen. Teil 2 - Das Heilige Römische Reich der deutschen Kaiser": In: Stern, Heft 46 (2006), S.

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