Wer vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart.
Richard von Weizsäcker

Vikar Gustav Werner in Walddorf

Gustav WernerAls Gustav Werner 1834 als Vikar nach Walddorf kam, kränkelte sein Pfarrherr, Professor Philipp Gottlieb Landerer, schon seit geraumer Zeit. Der Herr "Vikarius" bekam sein Zimmer im Erdgeschoß des Pfarrhauses zugewiesen und er stürzte sich mit unermüdlichem Tatendrang in seine Aufgaben.
So versuchte Gustav Werner (1809 - 1887) seine Gemeindekinder in leiblicher wie in seelischer Not zu unterstützen. Schon nach der ersten Predigt urteilte der Walddorfer Schultheiß Johann Georg Heim: "So hent mr no koin ghet".

Gustav Werners Predigten waren unkonventionell, lebendig und volkstümlich, sie rüttelten auf. Der Vikar wollte seinen Zuhörern deutlich machen, daß der Glaube an Jesus Christus kein Gnadenpolster zum Ausruhen sei, sondern daß wahrer Glaube sich in Liebe bestätigen müsse.
Bald strömten Leute aus der ganzen Umgegend nach Walddorf zum Gottesdienst um das "Vikärle" predigen zu hören. Von Reutlingen bis Stuttgart erhielt Gustav Werner Einladungen zu Vorträgen. Pfarrer Landerer war von der Beliebtheit seines Vikars offensichtlich wenig erbaut. Immer häufiger übernahm der Pfarrer kurzfristig den sonntäglichen Gottesdienst und zur begrüßung der Gemeinde hieß es dann: "Heut predige ich, da könnt ihr ja gleich wieder heimgeh`n!"

KleinkinderschuleAn Ostern 1837 gründete Gustav Werner in Walddorf eine Kleinkinder-, wenige Wochen später eine Industrieschule. Charlotte Nagel, eine Walddorfer "Krämerladenbesitzerin", stellte dem Vikar zwei Zimmer in ihrem Haus (Gustav-Werner-Strasse 21) zur Verfügung.
Anlässlich der Gründung der Kleinkinderschule wurde, zur gößten Freude der Kinder, eine kleine Einweihungsfeier abgehalten. Johann Louise Wiedersheim, die Frau des königlich-Württembergischen Amtsnotars in Walddorf und Caroline Müller, eine der Töchter der Walddorfer Pfarrersgattin aus deren erster Ehe, bereiteten Dampfnudeln zu, die Pfarrersfrau Eberhardine Friederike Landerer stellte Unmengen von gekochten "Birnenschnitz" und Zwetschgen her. Je zwei Kinder aßen die süße Speise gemeinsam aus einem Tellerchen.
Nach dem Festmahl wurde ein kleiner Lichter-Umzug mit Gesang vor der Kirche abgehalten.

Als Lehrerin gewann Vikar Werner die unverheiratete Walddorfer Bürgertochter Maria Agnes Jakob genannt "Bäsle". Das "Bäsle" war Näherin und hatte vor der Aufnahme der Arbeit in der Kleinkinder- und Industrieschule ein Seminar in Tübingen besucht und in Reutlingen das Anfertigen von Strick- und Häkelarbeiten gelernt. Unterstützt wurde sie in der Kleinkinderschule von ihrer Nichte, dem "Rosabäbele" Rosina Barbara Jakob.

Schon bald wurde die Walddorfer Kleinkinderschule von 80 bis 100 Kindern besucht. Auf dem "Lehrplan" standen Singen, Auswendiglernen von leichten Psalmen, Sprüchen und Liedern, Zählen, Malen auf die Tafel, Buchstabenkenntnis und Geschichtenerzählen, vor allem aus der heiligen Schrift. Für Spielzeug war in geringen Mengen ebenfalls gesorgt.

In der Industrieschule kamen die älteren Mädchen gegen 15 Uhr und blieben bis 19 Uhr. Maria Agnes jakob unterrichtete ihre Schützlinge in Strick- und Häkelarbeiten sowie im Spitzenklöppeln. Beihilfe erhielt sie von Barbara Welsch (dem "Bäbele"). Schon bald reichten die Räumlichkeiten im Nagel`schen Haus nicht mehr aus. 1839 als die Gemeinde auf dem Kirchhof ein Gemeindebackhaus errichten ließ, wurde Gustav Werner gestattet, auf eigene Kosten, ein Geschoß aufzusetzen, um darin seine Anstalten unterbringen zu können.

Um Weihnachten 1839 nahm Gustav Werners Walddorfer Zeit schließlich ein trauriges Ende. Durch die zunehmende Predigertätigkeit, die in beträchtlichem Maße auch dem Spenden-Sammeln für die Walddorfer Anstalt diente, geriet der Vikar in einen Konflikt mit dem Oberkirchenrat. Ende 1839 sprach der Oberkirchenrat dann sein Veto aus. Werner verzichtete auf eine Laufbahn als Pfarrer und verließ Walddorf am 14.02.1840 mit dem "Bäsle", dem "Bäbele" und zehn Kindern in Richtung Reutlingen.
Das "Rosebäbele" hingegen erhielt den Unterricht in der Kleinkinderschule noch weitere drei Jahre aufrecht, bia auch sie im Jahre 1843 nach Reutlingen ging.

Quelle: Reutlinger Generalanzeiger vom 17.04.2002

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