Wer vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart.
Richard von Weizsäcker

Aus der Denkendorfer Zehntscheuer wurde die Walddorfer Posthalterei
1861 - 1889, 28 jähriges Bemühen um eine Postagentur

Als der Kreis Tübingen im Jahr 1861 endlich an das württembergische Eisenbahnnetz angeschlossen werden sollte, unternahm man auch in Walddorf den Versuch, an der neuen Mobilität teilhaben zu dürfen. Durch die Einrichtung einer Postkutschenverbindung erhoffte man sich der Isolierung, die die schlechte Verkehrsanbindung unserer Gegend mit sich brachte, entfliehen zu können.

In den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts verkehrten von Walddorf aus wöchentlich: einmal ein fahrender Bote nach Stuttgart, dreimal ein (Fuß-)Bote nach Tübingen, einmal eine "Fußbötin" nach Metzingen, mindestens zweimal ein fahrender Bote über Pliezhausen nach Reutlingen und einmal eine "Fußbötin" nach Nürtingen. Sämtliche dieser genannten Boten waren so genannte Amtsboten, die der Gemeinde unterstanden. Eine Postverbindung gab es damals in und um Walddorf nicht! Daher versammelte sich im Oktober 1861 die Gemeinderäte von Walddorf, Gniebel, Rübgarten, Pliezhausen, Dörnach, Häslach, Schlaitdorf und Altenriet (damalige Gesamtbevölkerung dieser acht Gemeinden 5.938 Einwohner) in Schlaitorf um einen Brief an die "Königlich Württembergische Post-Direction" zu verfassen, mit der "unterthänigsten" Bitte, im Einzugsgebiet eine "Postanstalt" zu errichten, beziehungsweise eine Postverbindung über Walddorf und Pliezhausen zur Bahnstation Kirchentellinsfurt zu schaffen.

Die königliche Post zeigte sich - per Schreiben vom Februar 1863 - diesem Vorhaben nicht abgeneigt. Allerdings machte sie zur Bedingung, dass bei Einrichtung einer Postverbindung das Amtsbotenwesen unverzüglich eingestellt werden müsse. Außerdem sei die Steige zwischen Neckartailfingen und Schlaitdorf in sehr schlechtem Zustand und viel zu steil für ein regelmäßiges "Coursieren des Postgefährtes". Das Fazit: keine Postverbindung ohne vorherige Korrektur der "Neckarthailfinger Steige". Da dies ein recht schwieriges Unterfangen war, geriet der Prozess zunächst etwas ins Stocken. Die Walddorfer jedoch ließen nicht locker, so wurde wenigstens hier 1864 ein Landpostbote eingesetzt, der dann dreimal wöchentlich mit einem Fuhrwerk nach Tübingen fuhr.

Am 25. Januar 1864 wurde der Gemeinde Walddorf aus diesem Anlass "eine Dienstanweisung für Landpostboten, eine Bekanntmachung über die Einführung der Landpost in Plakatform sowie eine blecherne Landpostbrieflade samt Belehrungstafel" überbracht. Wo dieser "Briefkasten" angebracht werden sollte, wurde der Gemeinde überlassen, allerdings mit der Auflage, dass die Brieflade so anzubringen sei, dass sich die Einwurfspalte vier bis viereinhalb Fuß (rund 1,15 bis 1,30 m) über den Boden und am Wege, den der Postbote zu gehen hat, befinden sollte. Dem ursprünglichen Walddorf Ansinnen war damit jedoch noch nicht genüge getan. Pliezhausen hatte das Interesse schließlich verloren und beteiligte sich nicht mehr an den Beratungen und auch in Sachen "Neckarthailfinger Steige" konnten einfach keine Fortschritte erzielt werden.

Um so erstaunlicher ist, dass am 2. Juni 1889 schließlich doch die Nachricht kam, dass "Seine Königliche Majestät" die Errichtung einer Postagentur "in dem Pfarrdorfe Walddorf verfügt habe". Damit war der Ort nach 28 jährigem Bemühen doch noch zu seiner Postagentur gekommen. Die Postverbindung wurde zwar nicht, wie ursprünglich gewünscht, von Neckartailfingen über Walddorf nach Kirchentellinsfurt eingerichtet, dafür aber von Walddorf nach Kirchentellinsfurt (Bahnhof). Ab dem 1. August 1889 kursierte auf dieser Strecke zweimal täglich eine Postkutsche.

Es war sicherlich eine ausgesprochen gute Entscheidung, Posthalterei und -agentur in die Hände von Carl Eugen Nagel (geboren 1862) zu legen. Carl Eugen war der Sohn des renommierten Walddorfer Kaufmannes Louis (Georg Ludwig) Nagel (1832-1907), der sein Geschäft im Gebäude Hauptstraße 15 betrieb, welches übrigens noch heute Geschäftshaus ist.

PostkutscheDie Postagentur mitsamt einer "Telegraphenanstalt" wurde im hinteren Bereich des Geschäftshauses eingerichtet, über dem Eingang kündete das württembergische Wappen und der Schriftzug "Königlich Württembergische Post" vom zusätzlichen Service. Die Posthalterei mit den Stallungen für die Pferde brachte man in unmittelbarer Nachbarschaft, nämlich in der ehemaligen Denkendorfer Zehntscheuer (Hauptstraße 11) unter, die Familie Nagel hatte dieses Gebäude 1853 erworben. Nach Carl Eugen Nagel wurden in Walddorf die Uhren gestellt, denn täglich um 9 Uhr morgens bekam er, damals ganz modern per Telefon, von der Oberpostdirektion die Ortszeit mitgeteilt. Ludwig Lauxmann, der Bruder von Nagels Gattin Maria, übte künftig die Tätigkeit des Postillions aus. Im Sommer 1896 starb Carl Eugen Nagel, gerade 34 Jahre alt. Seine Witwe übernahm die Posthalterei, die Postagentur allerdings ging in andere Hände über. Nach dem Tod des Schwiegervaters Louis Nagel anno 1907 wurde das Nagel´sche Geschäftshaus verkauft. Maria Nagel ließ daraufhin in der ehemaligen Zehntscheuer Wohnräume einrichten, dort ist noch heute ein steinerner Türsturz mit der Inschrift "19. E. Nagel. We. 07" (also 19 Eugen Nagel Witwe 07) zu sehen.

Letzter Postillion der Postkutschenverbindung Walddorf - Kirchentellinsfurt war Johannes Veit, der mit Maria Nagels Tochter Elise verheiratet war. Bei der Rückkehr nach Walddorf blies Postillion Veit alltäglich "in der Kappel" das Posthorn, und die Walddorfer wussten: "Die Post ist da!"

Kurz vor dem Ersten Weltkrieg im Jahr 1914 wurde die Postkutsche ausgemustert und durch ein modernes Motorfahrzeug ersetzt. Die Postbeförderung besorgte nun die Kraftwagenverkehr Reutlingen GmbH.

Der vorstehende Bericht wurde am 31. Juli 1999 in der Serie "Alte Walddorfer Häuser" im Reutlinger General-Anzeiger veröffentlicht.

Quellen:
Festschrift zu 800 Jahrfeier der Gemeinde Walddorf,
Offizielle Webseite der Gemeinde Walddorfhäslach

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