Wer vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart.
Richard von Weizsäcker

Die Walddorfer Badestube (Zeitraum 1474 bis 1708)

"Der Bauer hat überhaupt eine große Scheu vor dem Wasser und es gibt gar viele Personen unter der ländlichen Bevölkerung, die seit ihrer frühesten Kindheit nie wieder in einem Bade gesessen sind, ja sogar das Baden der Neugeborenen wird auf das niedrigste Maß beschränkt." heißt es in der Oberamtsbeschreibung von Reutlingen 1893. Davon dürften sich auch die Badesitten der Reutlinger Dörfer nicht unterschieden haben.

BadehausJedoch war das nicht immer so. Rund 400 Jahre früher wird für Walddorf eine öffentlichen Badeanstalt, eine Badestube, erwähnt. Der damalige Besitzer Hans Nagel verpflichtete sich 1474 zu einer jährlichen Abgabe von einem Pfund Heller aus den Einkünften der Badestube an die Heiligenpflege (Kirchkasse) der Stadt Waldenbuch.
Über das Aussehen und die Ausstattung der Walddorfer Badestube sind heute keine Aufzeichnungen vorhanden. Vermutlich war jedoch ein größerer Raum im Hause des Baders in Verschläge abgeteilt, in denen Zuber und Badegeschirr wie Eimer und Kübel bereitstanden. In einem großen Kessel wurde das erforderliche Brauchwasser erhitzt. Für eine Gebühr konnte sich der Badelustige für gewöhnlich auch den Bart schneiden oder einen Aderlass vornehmen lassen. Im weitesten Sinne übernahm der Bader also eine Art medizinische Grundversorgung.
Der Walddorfer Bader Hans Jakob Höltzle besaß z.B. außer einem "Barbier- und Schrepffzug" sechs "Artzney-Bücher", darunter ein "Kräutter Buch" wie auch die "Württembergische Apotheker Ordnung". Er war der 2. Ehemann von Anna Eberwein, meiner Stammmutter (Urgroßmutter in 8. Generation).

Nicht nur wegen der Hygiene waren Badestuben im allgemeinen zu einer beliebten Einrichtung geworden. Obwohl offiziell nach Geschlechtern getrennt gebadet wurde, entwickelten sie sich schnell zu einer Stätte der Geselligkeit. Der geistliche Stand wetterte gegen dieses "süße Leben" und auch die Ärzte lamentierten über die "verweichlichende Wirkung". Als dann verbreitet Geschlechtskrankheiten und Seuchen auftraten, bedeutete das vielerorts das Aus für die Badestuben.

Etwa 100 Jahre nach der ersten Erwähnung, 1591, nennen die Akten als weiteren schriftlichen Beleg einen Leonhart Beck, der zu dieser Zeit Besitzer "einer Behausung ... an der Badestuben ... an dem gemeinen Bach und dem gemeinen Wassergraben".
Um den Transportweg für das benötigte Wasser möglichst kurz zu halten wurden Badestuben vorrangig an einem Bach oder fließenden Brunnen errichtet. Außerdem lagen sie am Ortsrand oder außerhalb wegen der großen Brandgefahr durch das Erhitzen des großen Wasserkessels auf dem offenen Feuer.

Nach dem Tod von Hans Jakob Höltzle wurde das Badergewerbe in Walddorf nicht mehr ausgeübt. Es werden weiterhin mehrere Barbiere in Walddorf genannt, eine Badestube und ein Bader werden jedoch nicht mehr.

Erst 200 Jare später wurde in einem kleinen Nebenraum der Molkerei ein Badezuber aufgebaut. Sämtliche Maschinen in der Molkerei waren dampfgetrieben und so nutzte man das heiße Wasser sinnvoll zum Bade.

Quelle: Festschrift zu 800 Jahrfeier der Gemeinde Walddorf

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