Wer vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart.
Richard von Weizsäcker

Gemeindebackhaus "auf dem Kirchhof", errichtet 1839

Backhäuser in den ländlichen Gebieten werden heute vielfach als althergebrachte Institution, als jahrhundertealte Errungenschaft im gemeinschaftlichen Zusammenleben innerhalb eines Dorfes betrachtet. Dir historische Entwicklung zeigt allerdings, daß es sich hierbei einmal mehr um eine Idealisierung der "guten alten Zeit" handelt, denn auch in der Vergangenheit buk man sein Brot viel lieber im eigenen Backofen.
Die Entstehung der Gemeinde-Backhäuser ist hauptsächlich darauf zurückzuführen, daß früher mit offenem Feuer gebacken werden musste, wodurch immer wieder verheerende Brände entstanden. Im Herzogtum Württemberg wurde daher im Jahre 1785 eune feuerpolizeiliche Verordnung erlassen, die die Einrichtung öffentlicher Back-, Wasch- und Dörrhäuser empfahl. Damit sollte der Gebrauch von Backöfen in privaten Haushalten eingeschränkt und die davon ausgehende Brandgefahr reduziert werden.

Da es neben Backöfen in den Wohnungen zu jener Zeit auch zehn private Backhäuser in Walddorf gab, die wohlhabende Bürger zum eigengebrauch besaßen, wurde dieser Empfehlung kaum Beachtung geschenkt. Auch die Generalverordnung von 1808, in der die Erstellung von "Commun"-Backofen vorgeschrieben wurde, blieb weitgehend ohne Reaktion. Man buk sein Brot bevorzugt in den eigenen vier Wänden, blieb lieber "Eigenbrötler".
Erst als König Wilhelm I. 1834 den Bau gemeindeeigener Backöfen anordnete, entstanden vermehrt öffentliche Backhäuser, allerdings nicht in Walddorf. Selbst auf einen Antrag des königlichen Oberamtes im Mai 1836 entschied der Gemeinderat noch einstimmig, daß die "Errichtung von Gemeinde Backoffen hier nicht vollzogen werden könne", da am Ort sieben Bäcker ansässig seien und die privaten Backöfen nicht nur zum Brotbacken "höchstnötig", sondern in einer obstreichen Gegend, wie der hiesigen haupsächlich zum Obstdörren gebraucht würden.

1839 mussten die Walddorfer sich schließlich doch beugen und ein Gemeindebackhaus errichten lassen. Als Standort wurde ein Platz "auf dem Kirchhof" ausgewählt - ziemlich genau dort, wo einst das 1500 erstmals erwähnte "Fruchtkästlin" des Klosters Denkendorf stand, das allerdings 1822 abgebrochen worden war. Die Kostenschätzung für das Backhaus ergab einen Betrag von 1.316 Gulden, wobei in dieser Summe ein "Wohngeschoß" inbegriffen war, das man auf der Backküche zusätzlich errichten wollte. In diesem Stockwerk sollte dann die um Ostern 1837 vom damaliegen Walddorfer Vikar Gustav Werner gegründete Kleinkinder- und Industrieschule untergebracht werden.

Im Juli 1839 war das Backhaus mit zwei Backöfen fertig gestellt - das Backen konnte beginnen. Im Gegensatz zu vergleichbaren Einrichtungen in anderen Gemeinden wurde das Walddorfer Backhaus von Anfang an von einem örtlichen Bäckermeister betreut, dem außerdem gestattet war, einmal täglich in den Gemeinde-Backöfen Weißbrot für den eigenen Verkauf zu backen. Der Gemeindebäcker wurde von der Gemeinde anfänglich jeweils auf Jakobi (25. Juli) für ein Jahr bestellt. Die ersten drei Jahre betreute Bäckermeister Jakob Wurster das Backhaus, in der Folgezeit ging es für mehrere Jahre an Mitglieder der Familie Armbruster, die das Bäckerhandwerk ausübten. Backzeiten und -preise wurden von der Gemeinde in einer Backhaus-Ordnung festgeschrieben. So durfte am Morgen nicht vor fünf Uhr und am Abend nicht nach zehn Uhr gebacken werden. Für einen Brotlaib unter acht Pfund, für "Mödele (Backförmchen) und überhaupt jedes Stück das gebacken wurde" musste ein halber Kreuzer, für Brotlaibe über acht Pfund je einen Kreuzer Bäckerlohn entrichtet werden.

War es für das erste Betriebsjahr noch schwierig gewesen, jemanden zu finden, der die Arbeiten zum festgesetzten Bäckerlohn übernehmen wollte, so gab es bei der Vergabe des Backhauses für 1848/49 heftige Auseinandersetzungen unter den Bewerbern. Weil die Gemeinde das Backhaus ein weiteres Jahr in den Händen des bisherigen Gemeindebäckers sehen wollte, warf einer der beiden Mitbewerber den Gemeinderäten vor, sie hätten Beschwerden, die über diesen Gemeindebäcker vorlägen, nicht ausreichend beachtet. Der seitherige "Beck" sei ein fleißiger und guter Haushälter, konterte daraufhin der Schultheiß, wohingegen der Klagende, wie allgemein bekannt sei, im vergangenen Jahr 300 Gulden aus dem vermögen seiner Frau "durchgebracht" habe. Der Kläger reagierte mit einer Vielzahl kränkender Äußerungen über den gesamten Gemeinderat. Dieser verbale Ausbruch endete schließlich damit, daß der Bäckermeister statt der angestrebten Anstellung 24 Stunden Orstarrest im Gefängnis des Walddorfer rathauses erhielt.

Das Backen war früher, wie viele andere Dinge das alltäglichen Lebens, eine harte Arbeit. In die zwei gemauerten Ofengewälbe des Walddorfer Backhauses musste der Bäcker zunächst Buchenholzscheite stapeln, bevor er mit "Reisigbüschele" ein Feuer entfachte. Wenn das Feuer heruntergebrannt war, musste die Backfläche der Ofen mit einer Art Besen, dem sogenannten Hudelwisch, von Asche und Glutresten gesäubert werden. Mit einem langen Schabieber wurde dann der geformte Teig in den heißen Ofen jongliert, die "Bachet" eingeschossen.

Vom 1. Januar 1896 an war Bäckermeister Ludwig Heim Pächter der Gemeindebackküche. Die Ära Heim wurde die beständigste in der Geschichte des Walddorfer Backhauses. 1897 ließ die Gemeinde vergrößern, an der südlichen Giebelseite entstand ein einstöckiger Backsteinanbau, 1922 fanden weitere umfangreiche Umbauten und Erneuerungen statt.
Ludwig heim blieb 38 Jahre lang Gemeindebäcker, bis er 1934 seinen Vertrag mit der Gemeinde kündigte. Nach einer "Einlern-Phase" von einem Jahr ging das Backhaus anschließend an Alfred Gaiser, der allerdings schon 1939 einberufen wurde. Seine Geschwister Marie und Albert, sowie Bäckergesellen erhielten den Betrieb aufrecht.

Letzter Pächter war schließlich von 1950 bis 1955 Bäckermeister Albert Wezel. Die Ansprüche der Kunden und die Vorstellung von einer Bäckerei hatten sich inzwischen gewandelt. Wezel wollte das Backhaus zeitgemäßer als Ladengeschäft führen, daher wurde 1952 das erste Schaufenster eingebaut. Im Zusammenhang mit der Beschaffung von Finanzmitteln für den Schulhaus-Neubau verkaufte die Gemeinde das Backhaus an die Familie Birgel, in deren Besitz es sich seitdem befindet.

Quelle: Reutlinger Generalanzeiger vom 22.04.2000

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