Wer vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart.
Richard von Weizsäcker

Der bereits 1356 genannte Mühlbach könnte darauf hindeuten, dass es zu jener Zeit oder früher auch im Dorf oder in der näheren Umgebung eine Mühle gegeben hat. Laut mündlicher Überlieferung soll diese im Dörnacher Tal, am so genannten Wasserfall, gestanden und zum einstigen Gehöft Geren/Gaÿern gehört haben. Sicher ist jedoch nur, dass die Walddorfer lange vor 1504 per Dekret (Mühlenbann) die "Neckarburg-Mühle" bei Neckartenzlingen nutzen mussten und somit gezwungen (gebannt) waren, sämtliches Getreide beim dortigen Müller mahlen zu lassen. Der Lohn des Müllers war das so genannte "Mühlteil", ein Sechzehntel des zu mahlenden Getreides.

Immer wieder kam es zu Auseinandersetzungen zwischen den Walddorfer Landwirten und den Inhabern beziehungsweise dem Müller der "´Denzlinger Mühle". Mehrmals wurden Beschwerden beim Herzog eingereicht und ebenso oft so genannte "Entscheidsleuth" berufen (1504, 1515 und 1592), denen die beiden zerstrittenen Parteien ihre Klagen vortrugen. Diese Vermittlungsversuche endeten stets mit der Erneuerung des "Mühlbriefes", mit dem die Inhaber der "Neckarburg-Mühle", wie auch die klagende Bevölkerung, an die jeweiligen Pflichten erinnert wurden. So trug man dem Müller auf, Mühle und Mahlgeräte in Ordnung zu halten, die Gebühren wurden erneut festgeschrieben und die Walddorfer daran erinnert, dass das Vergehen, Getreide in einer anderen Mühle mahlen zu lassen, hart bestraft werden würde. 1592 betrug die Strafe für den einzelnen "einen kleinen Frevel", also drei Pfund Heller Württemberger Währung - für einen großen Teil der Bevölkerung eine enorme Summe, die in etwa dem Wert eines Kalbes entsprach.

MühleAnno 1694 hatten die Walddorfer in ihrem Pfarrer Magister Johann Majer (1641-1712), dem bedeutenden schwäbischen Geodäten und Kartographen, einen großen Unterstützer gefunden. Ihm war zu Ohren gekommen, dass es den Walddorfern und den benachbarten Dörnachern ein Dorn im Auge sei, dass sie jedes Mal den weiten Weg nach Neckartenzlingen zurücklegen mussten, wenn sie ihr Getreide mahlen lassen wollten. Zudem waren sie, wieder einmal, mit dem Müller nicht zufrieden, behaupteten er veruntreue Mehl und verlange zuviel Abgaben, das Wehr werde nicht instand gehalten und der Mühlsteig sei verfallen. Pfarrer Majer sann auf Abhilfe, besah sich das Gelände um Walddorf und fand eine Stelle, an der drei Bäche zusammenflossen, die genügend Wasser lieferten, um eine Mühle anzutreiben. Er fertigte eine genaue Zeichnung des Geländes an und übergab sie der Gemeinde, die am 21. August 1694 wiederum ein Gesuch an den Herzog einreichte, an der bezeichneten Stelle eine neue Mühle bauen zu dürfen. Im historischen Text wird hervorgehoben, dass ihnen durch ihren Pfarrer Magister Johann Majer, "einem berühmten Mathematicus", die Augen geöffnet worden seien, wie dem bisherigen Übelstand abzuhelfen sei. Angeschlossen war Majers "unvorgreiflicher Vorschlag, wie und wo ein Mühlin für den Flecken Walddorf und das Weiler Dörnach zu erbauen wäre". Der Antrag wurde abgelehnt, nachdem der Nürtinger Schultheiß und der dortige Rat, denen die Aufsicht über die Neckartenzlinger Mühle oblag, eine Gegenerklärung eingereicht hatten, in der den Walddorfer Beschwerdepunkten widersprochen wurde. Unter Berufung auf das alte Recht erklärten die Nürtinger, der Herzog sei der eigentliche Eigentümer der Mühle, aus der ihm jährlich nicht unbedeutende Abgaben, die "Mühlgülten", entrichtet würden. Sie gingen sogar zu einem Gegenschlag über und forderten, dass auch Pfarrer Majer zukünftig wieder sein Getreide in der "Denzlinger Mühle" mahlen lassen müsse, wozu er aufgrund einer alten Bestimmung sowieso verpflichtet sei, woran er sich jedoch bisher nicht gehalten habe. Der mögliche Verlust von Abgaben war für die herzogliche Regierung bei ihrem Entschluss entscheidend, den Majer'schen Plan abzulehnen.

Für die ungeheure Summe von 40.000 Gulden erwarben die Dörfer Walddorf, Pliezhausen, Altenriet, Schlaitdorf und Dörnach schließlich im Januar 1832 die Neckarmühle in Neckartenzlingen und verkauften diese, ohne die Bannrechte, umgehend wieder an einen Privatmann. Der Mühlbann für Walddorf und die Nachbarorte war damit aufgehoben, der Bevölkerung stand nun frei, in welche Mühle sie ihr Mahlgut brachte. Die Walddorfer Landwirte fuhren ihr Getreide nun vorzugsweise zum Müller nach Mittelstadt, bis 1919 in Walddorf die Getreidemühle e. G. mbH gegründet wurde. Noch im selben Jahr war es der Genossenschaft möglich, von der Gemeinde ein Stück des Marktplatzes zu erwerben und mit dem Bau der Getreidemühle zu beginnen.

MühleDer Mahl-Betrieb wurde am 1. Februar 1920 aufgenommen. Als Müller warb die Genossenschaft den aus Kirchheim/Teck stammenden und in Rottenburg tätigen Wilhelm Kurz an. Die Familie Kurz wohnte, bis 1924/25 ein Wohnhaus an das Mühlgebäude angebaut wurde, bei Familie Weinmann in der Deutschen Gasse (heute Dettenhauser Straße 4) zur Miete.

1937 wurde das Mühlgebäude zu seiner heutigen Form erweitert und, wie es in einer Annonce heißt, "ganz neuzeitlich eingerichtet". Müllermeister Kurz versah sein Amt bis 1940; in jenem Jahr wurde er von Christian Ambacher abgelöst. 32 Jahre lang betrieben Christian Ambacher und seine Frau Pauline die Genossen-schaftsmühle in Walddorf, 1972 wurde sie an Wilhelm Gaiser übergeben. Derzeit wird dort lediglich Getreide für die Württembergische Landwirtschaftliche Zentralgenossenschaft (WLZ Raiffeisen GmbH) angenommen.

Quelle: Reutlinger Generalanzeiger vom 17.07.1999

Diese Webseite verwendet Cookies (ihhhh!) für alles mögliche (Werbung, Facebook, Besucheranalyse). Wenn Sie weiter hier surfen.
mehr Wissen Na gut Ablehnen