Wer vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart.
Richard von Weizsäcker

Eine Apotheke für Walddorf - Haidlinsgasse 14

Schon 1835 hatte der damalige Walddorfer Schultheiß Johann Georg Heim beim königlichen Oberamt Tübingen um Erlaubnis gebeten, daß in Walddorf eine selbständige Apotheke errichtet werden durfte. Aber bis die Walddorfer wirklich ihre Medizin im Ort kaufen konnten, sollten noch Jahrzehnte vergen. Das Oberamt erteilte dem Ansinnen des Ortsvorstehers zunächst eine Absage, Begründung: kuerz zuvor habe man "die Einrichtung einer Apotheke in Neckartailfingen gestattet." und somit dem Bedürfnis der Gegend um Walddorf wohl hinlänglich Abhilfe geschaffen.

Apotheke altDem war jedoch nicht so, denn es geschah wohl häufiger, daß zwar Boten nach Neckartailfingen geschickt wurden, der Apotheker dann aber nichtzur Verfügung stand. In den folgenden Jahren kam es deshalb immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen der Walddorfer Ortsverwaltung und dem Neckartailfinger Apotheker.

Im November 1888 schließlich lenkte das Oberamt ein und erlaubte im Zusammenhang mit der Neubesetzung der Arztstelle in Walddorf auch die Einrichtung einer Apotheke. Bis zu einer konkreten Planung vergingen allerdings weitere zweieinhalb Jahre.

Am 10. September 1891 kam schließlich der damalige Oberamtsbaumeister Wurster extra aus Tübingen angereist - damals, je nach Wetterlage, eine Kuschfahrt von bis zu zweieinhalb Stunden - um sich vor Ort nach einem geeigneten Gebäude umzusehen. Fündig wurde er jedoch nicht. Daher entschied sich die Gemeinde auf Empfehlung Wursters "in Ermangelung eines geeigneten Gebäudes einen Bauplatz zu einem Neubau zu erwerben". Noch in derselben Gemeinderatssitzung am 11. September 1891, wurde beschlossen, einen Teil eines Stückes "Baumwiese im Thal" (Haidlingsgasse) zu kaufen, das sich bisher, zusammen mit einer Ölmuhle, im gemeinschftlichen Besitz des Schultheißen Christoph Heim und des Ochsenwirts Wilhelm Ludwig Heim befand.

Kaum zwei Wochen später, am 20. September 1891, hatte Oberamtsbaumeister Wurster sämtliche Pläne angefertigt, und kurz darauf begannen schon die Bauarbeiten. 1892 war die Walddorfer Apotheke schließlich fertiggestellt und wurde von Neckartailfinger Apotheker Carl Schweizer als Filialapotheke betrieben. Die Filiale wurde von dessen gleichnamigem Sohn bis zum Jahr 1902 geführt. Vom 01. September 1902 an verwaltete Gustav Heinrich Schellenberg die Apotheke in Walddorf, Pächter jedoch blieb auch weiterhin Apotheker Schweizer in Neckartailfingen.

Apotheke 2009Um 1908 wurde die Neckartailfinger Apotheke an Constantin V. Daiber verkauft, der offensichtlich auch den Pachtvertrag für die Filiale in Walddorf übernahm. Hier übter allerdings weiter Gustav Heinrich Schellenberg seinen Dienst als Apotheker aus. Im Januar 1917 erhielt die Apotheke elektrisches Licht. Schellenberg verließ Walddorf im Dezember 1918. Die Apotheke blieb in der Folgezeit, sehr zum Unwillen der Gemeinde, bis zum Ablauf des Pachtvertrages mit Daiber häufig geschlossen.

Gleichzeitig mit der Übernahme der Walddorfer Apotheke durch den approbierten Apotheker Marcus J. Michel im Jahre 1920 ging die Umwandlung in eine Vollapotheke vonstatten. Zum Jahresende 1933 verließ Michel mit seiner familie Walddorf und zog nach Böckingen bei Heilbronn. Am 01. Januar 1934 übernahm Eugen Gümpel die Apotheke in Walddorf, die er bis Ende 1968 betrieb. Vor der Wiedereroffnung 1969 waren einige Modernisierungen fällig, wobei der imposante Treppenaufgang der Verkehrsplanung zum Opfer fiel und das Gebäude Haidlinsgasse 14 größtenteils seiner harmonischen Gliederung beraubt wurde. Seit 1998 befindet sich die Apotheke in moderneren Räumen in der Hauptstrasse. Seit 2001 befindet sich in dem Gebäude das Gemeindearchiv.

Quelle: Reutlinger Generalanzeiger vom 10.04.1999

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