Wer vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart.
Richard von Weizsäcker

nur die Kastanie blieb erhalten

SonneRund vierzig Jahre ist es her, daß das traditionsreiche Walddorfer Gasthaus zur Sonne der Spitzhacke zum Opfer fiel. Dennoch wird die Stelle, an der das Anwesen einst stand, noch heute von vielen älteren Walddorfern "bei dr Sonna" genannt und mit dem Namen "Sonnenweg" setzte man dem Lokal schließlich auch ein "Denkmal". Die "Sonne" lag einst in der Dettenhausener Straße, damals noch Deutsche Gasse genannt, direkt an der Abzweigung der Friedrichstraße.

Das Gebäude wurde 1865 für den Küfer und Bierbrauer Gottlieb Roth und seine Gattin Margaretha, geborene Bauer errichtet, Roth hatte schon im April 1863 ein Kaufgesuch für einen Bauplatz vom Gemeindeacker bei der Schafscheuer (Friedrichstraße 2, zuletzt als staatliches Forstamt bekannt) an die Gemeinde gestellt. Der Gemeinderat lehnte dieses Anliegen allerdings zunächst ab, da sich das Grundstück außerhalb des bebauten Dorfgebietes, im damaligen Wortlaut also "gleichsam auf dem freien Felde", befand.
Aber Roth konnte seinen Willen offensichtlich durchsetzen, denn 1865 stand das Gebäude nachweislich und in der Brauküche wurden rund 65 Eimer (19500 Liter) Bier im Jahr gebraut. Drei Jahre später entstand hinter dem Gasthaus ein kleines Gebäude, in dem ein Magazin und ein Kühlhaus (tiefer, gewölbter Keller) untergebracht waren.
Im Frühjahr 1872 ließ Roth das Hinterhaus baulich erweitern, zusammen mit dem ehemaligen magazin ergab sich nun ein etwa 77 Quatratmeter großer Raum, der als Websaal für eine Korsettweberei genutzt wurde, 1882 folgte noch ein Scheunenanbau.

Im Jahr 1892 wurde die "Sonne" durch eine Attraktion bereichert, eine Kegelbahn. Der Kegelgesellschaft, die sich dauraufhin bildete, gehörten natürlich die örtlichen Honoratioren wie der Arzt Dr. Otto Katzer, der Apotheker Karl Schweizer und der Posthalter Eugen Nagel an.

Im Februar 1893 verkaufte das Ehepaar Roth, inzwischen betagt und - nach dem frühen Unfalltod ihres Sohne Johann Heinrich - ohne Nachkommen, die Gaststätte an den Metzger Jakob Friedrich Herrmann.
Herrmann stammte aus Walddorf, hatte hier von 1873 -1890 das Gashaus zum Löwen in der Hauptstraße 10 betrieben, sich außerdem in der Kirche als Orgeltreter betätigt, lebte jedoch seit 1890 als Kronenwirt in Bietigheim.
Im Kaufvertrag von 1893 wird sehr genau beschrieben, was alles in den Besitz des Käufers über ging. Neben den Gabäuden, Gärten und dem Pumpbrunnen im Hofraum ist besonders die Liste der Wirtschaftsgüter interessant: vier Wirtschaftstafeln, acht Wirtschaftsbänke, drei Fässer mit Eichgehalt 680, 880 und 315 Liter, fünf Stühle oder Sessel, 50 Bier- und 13 Weinflaschen.

Im Oktober 1901 erwarb der aus Heimsheim stammende Metzger Jacob Schäfle das Gasthaus zur Sonne. Er erkrankte jedoch schon kurze Zeit später ernstlich und das Anwesen wechselte 1902 abermals den Besitzer. Neue Eigentümer wurden der aus Reutlingen stammende Metzger Eugen Fassnacht und seine Frau Amalie, geborene Glück. Doch auch die Ära Fassnacht war nicht von langer Dauer.. Im Jahr 1905 starb Eugen Fassnacht mit nur 29 Jahren. Seine Wittwe bewirtschaftete die "Sonne" zwar noch etwa ein weiteres Jahr, verkaufte sie jedoch 1906 an den Walddorfer Metzger Jakob Gaiser und dessen Frau Pauline.

Zu dieser Zeit befanden sich links vom Hauseingang in der Gabäudemitte das Ladengeschäft (Metzgerei, rüher Küferwerkstatt), dahinter die Wurstküche (früher Brenn- und Brauküche), rechts vom Eingang der Schankraum (früher Viehstall) und dahinter ein Kellerraum. Das Wirtschaftslokal war zu dieser Zeit noch im Obergeschoß.
Gaiser baute den Wirtschaftsberieb in den folgenden Jahren aus, so entstand 1910/1911 anstelle des Hinterhauses ein über hundert Quatratmeter umfassender Wirtschaftssaal - zu dieser Zeit wohl der größte seiner Art in Walddorf. Was für ein idyllisches Bild muß es gewesen sein, wenn zu jener Zeit der Schäfer zum Vesper in die "Sonne" einkehrte und rings um das Wirtshaus die Schafherde weidete.

In der Nachkriegszeit, als vielerorts Dorfgasthäuser ihre große Blütezeit erlebten, kam für die Walddorfer "Sonne" das Aus. Um 1960 wurde das Wirtschaftsgebäude schließlich abgebrochen. Der Saal blieb noch ein paar wenige Jahre länger stehen, da sich hier zwischen 1952 und 1964 die Filiale der Metzinger Berufskleiderfabrik Emil Wurster KG niedergelassen hatte.

Quelle: Reutlinger Generalanzeiger vom 22.05.1999

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