Wer vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart.
Richard von Weizsäcker

und die Kriegsschäden im Dorf

Kaum ein anderer Straßenzug innerhalb des älteren Ortsbreichs von Walddorf hat sich in den vergangenen 50 Jahren so gewandelt wie die Dettenhausener Straße zwischen der Bachstraße und der Friedrichstraße. Noch bis 1972 trug dieser Teil der Straße den Namen "Deutsche Gasse", letztes Relikt für die ursprüngliche Bezeichnung eines ganzen Gebietes.
Die Vermutung, diese Bezeichnung stamme aus der Zeit zwischen 1933 und 1945 ist allerdings nicht richtig. Tatsächlich taucht der Name schon im 16. Jahrhundert auf. So wird 1522 die "Tuschengasse beim Bach" und später, im Jahr 1710 die "Teutsche Gass" erwähnt.

Verglichen mit den stattlichen Gebäuden im Ortszentrum lagen an der Deutschen Gasse zunächst vorwiegend bescheidene Häuschen, die kleine landwirtschaftliche Betriebe und Handwerker beherbergten. Selbst die Gemeinde besaß ein "Häußlein in der Teutschen Gass, neben den Brühlwiesen, so das Armenhauß bishero", das 1756 an einen Privatmann verkauft wurde. Dennoch hatte man schon vor 1750 auch ein herrschaftliches Gebäude vom Ortinneren nach außerhalb, an die Teutsche Gaß verlegt - die herzogliche Schafscheuer, die an der Stelle des Gebäudes Friedrichstrasse 2 stand, 1915 abgebrochen und durch den Neubau des Farrenstalles ersetzt wurde. Die Schafscheuer bildete bis gegen Ende des letzten Jahrhunderts den westlichen Abschluß des Dorfes.

Um 1865 setzte eine erneute Bautätikeit entlang der Deutschen Gasse ein. Den Anfang bildete das Gasthaus zur Sonne, das in inmittelbarer Nachbarschaft zur Schafscheuer entstand. An der gegenüberliegenden Staßenseite wurde 1870 vom Fabrikanten Christian Auch eine "Corsettweberei" errichtet (Dettenhausener Straße 27). Um diese Zeit entstanden auch die ersten Bauten an der heutigen Friedrichstrasse. Erst ab der Jahrhundertwende dehnte sich die Bebauung entlang der Deutschen Gasse weiter nach Westen aus.

Düstere Wolken zogen Ende des zweiten Weltkrieges über der Deutschen Gasse herauf. Im Frühjahr 1945, als täglich Meldungen vom stetigen Vorrücjen der Alliierten eintrafen, nahm auch die alliierte Fliegertätigkeit über den ländlichen Gebieten zu. Am 11.04.1945 erschienen am Himmel drei Jagdbomber, die zunächst Häslach angriffen, so daß dort einige Häuser in Flammen aufgingen.
Anschließend wurde von Westen her, entlang der Deutschen Gasse, Walddorf mit Bordwaffen beschossen. Im ganzen Ort fingen 15 Häuser und Scheunen Feuer, an ein erfolgreiches Löschen war bei den vielen Brandherden nicht zu denken. Die Flammen loderten bis zum Himmel und die Gebäude brannten größtenteils bis zu den Grundmauern nieder.

In der Deutschen Gasse wurde die Scheune (Dettenhausener Straße 27a) der Familie Wild, Wohnhaus und Scheune der Familie Gaiser (Nr. 22/22a) sowie das Wohnhaus (Nr. 20) der Familie Armbruster zerstört. Nur acht Tage später, am 19.04.1945 rückten die Franzosen von Gniebel her nach Walddorf ein.
Bis zum Jahresende 1948 hatten alle kriegsgeschädigten Walddoefer Ihre zerstörten Häuser wieder aufgebaut.

MühlbachEine weitere Besonderheit der Deutschen Gasse war "der Bach" (Mühlbach) der einst unmittelbar neben der Straße verlief, so daß die Bewohner die Häuser an der südwestlichen Straßenseite nur über ein "Brückle" oder einen Steg erreichen konnten. Der Mühlbach, der Walddorf früher auf einer Länge von etwa einem Kilometer durchfloß, war jahrzehntelang ein Sorgenkind der Gemeinde. Bei starken Niederschlägen gab es im Ort oft Hochwasser. Am Gebäude Hauptstrasse 4 ist noch heute eine Hochwassermarke vom 24.06.1931 zu sehen.
Nach langjährigen Planungenwurde das Wasser im Jahr 1950 schießlich in eine "Zwangsjacke" gesteckt, und seit dem fließt der Mühlbach unterirdisch in Betonröhren. Verschwunden sind mit dem Bach natürlich auch die Brücken, die dem Ort ein eigenes Gepräge gaben.

Quelle: Reutlinger Generalanzeiger vom 06.06.1999

Diese Webseite verwendet Cookies (ihhhh!) für alles mögliche (Werbung, Facebook, Besucheranalyse). Wenn Sie weiter hier surfen.
mehr Wissen Na gut