Wer vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart.
Richard von Weizsäcker

Walddorfer "Wägner" (auch Stellmacher)

WagnerDer Wagner, in Walddorf würde man ihn "Wägner" sagen, war wohl der größte Künstler unter den Handwerkern eines Dorfes. In seiner täglichen Arbeit steckte das über Jahrhunderte gesammelte Wissen und die Erfahrung von Generation frührer Wagnermeister über den Umgang mit dem Wuchs und der Maserung des Holzes, selbst der ehemalige Standort des geschlagenen Baumes war wichtig für Passung und Eignung der Werkstücke. Der Wagner musste auf den erste Blick erkennen, wozu sich das rohe Holz am besten verarbeiten ließ.
Die Wagnerei war früher ein blühendes Gewerbe, denn nahezu auf jedem landwirtschaftlichen Anwesen gab es mindestens einen, wenn nicht sogar mehrere Wagen. Die Anfertigung der Wagenräder erforderte eine so große Kunstfertigkeit und sie waren so aufwändig in der Herstellung, daß sie die Hälfte des Kufpreises eines neuen Wagens ausmachten.
Waren keine neuen Wagen herzustellen, oder alte zu reparieren, so fertigte der Wagner Leitern, Melkschemel oder Stiele und Schäfte für Werkzeuge.

Neben dem Schmid war der Wagner einer der geachteststen Handwerker im Dorf und tatsächlich ergänzten sich die beiden Berufe in vielen Bereichen. Ohne die Eisenbeschläge (Reifen) für seine Speichenräder, ohne eiserne Achsen konnte der Wagner seine Wagen nicht verkaufen, denn sie waren nicht funktionstüchtig. Der Schmid hingegen war auf hölzerne Stiele uns Schäfte für Werkzeuge und landwirtschaftliches Gerät aus der Produktion des Wagners angewiesen, denn seine Arbeit bestand keineswegs nur aus dem Hufbeschlg.
Beide Handwerksberufe litten ab der Mitte des 20. Jahrhunderts unter dem Siegeszug des Automobiles.

Im 17. und 18. Jahrhundert wurde der beruf des Wagners in Walddorf über mehrere generationen von Mitgliedern der Familie Dürr ausgeübt. So nennen die Akten beispielsweise Jörg DürrStammurgroßvater (Urgroßvater in 10. Generation), dessen Beruf mit "plaustrarius" angegeben wird, was mit Wagenbauer übersetzt werden kann. Zwischen 1610 und 1816 lassen sich 14 Wagner finden, die den Familiennamen Dürr trugen.

Wie wichtig die Arbeit des Wagners für ein landwirtschaftlich geprägtes Dorf wie Walddorf war, zeigt die Tatsache, daß mehrere Wagner gleichzeitig ein gutes Auskommen hatten. So finden sich im "Gewerbesteuer Cataster" von 1824, wie auch noch 1911 vier Wagner in Walddorf.

Der Wagner Johann Michael Wacker wurde im März 1877 mit Anna Dorothea Birkle, einer Walddorfer Schneiderstochter vermählt. Wacker war der Sohn eines Altenrieter Bäckers, Dorothea brachte ein kleineres, ererbtes Haus im oberen Dorf (Stuttgarter Strasse 18) mit in die Ehe. Hier begann ihr Mann schon kurz nach der Hochzeit mit der Ausübung seines Handwerks als Wagnermeister. Am 16. Juli 1877 meldete er sein Gewerbe auf dem Walddorfer Rathaus an.

Die Geschäfte in der Wagnerei liefen offensichtlich gut, denn 1887 erwarb die Familie in der Nachbarschaft ein größeres Haus mit Scheuer (Stuttgarter Strasse 22, 1956 abgebrochen), das alte Gebäude wurde verkauft. 2850 Mark musste Michael Wacker für das neue Haus bezahlen, aber es gab mehr Platz für die Familie, den Beruf und die Landwirtschaft, die er wie jeder andere Handwerker auf dem Dorf nebenher betrieb. 1904 starb Dorothea Wacker, der Sohn Johann Georg und die beiden Töchter Katharina und Marie mussten dem Vater nun noch mehr zur Hand gehen.
Das Handwerk wurde in der Familie Wacker auch in der nächsten Generation weitergeführt. Von seinem Vater erlerne Hans Jörg Wacker die "Wägnerei" von der Pike auf. 1919 heiratete er eine junge Wittwe. Seine Braut, Anna Maria Gaiser, geb. Nonnenmacher, hatte im April 1918 ihren Mann durch Kriegseinfluss verloren. In die Ehe brachte sie 3 Kinder und ein altes Haus mit Scheuer weiter unten im Dorf.
Hans Jörg Wacker arbeitet zu jener Zeit noch weiterhin in der Wagnerwerkstatt seines Vaters. 1920 brachte Anna Maria ein weiteres Kind, ein Mädchen, zur Welt. Im Juli 1922 übergab der alte Michael Wacker den Betrieb schließlich an seinen Sohn. Noch im selben Jahr ließen Hans Jörg Wacker und seine Frau ihr altes Haus (Stuttgarter Str. 5) völlig umbauen, in einem neben dem Haus stehenden Waschhaus wurde die Wagner-Werkstätte eingerichtet.

Arbeit gab es genug. Zwar galt es nicht ständig Wagen zu bauen, aber dafür wurde um so mehr repariert. Reich werden konnte man bei diesen Preisen nicht und mit der Zahlungsmoral stand es auch damals bei vielen Zeitgenossen nicht zum Besten, ein ordentliches Auskommen hatten aber alle Walddorfer "Wägner". Bis in die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg gab es viel zu tun Doch mit der Zeit ließen die Aufträge nach. Das berufsbild des Wagners war nicht mehr gefragt, die Wagnerei ein aussterbendes Handwerk.

Quelle: Reutlinger Generalanzeiger vom 24.05.2002

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