Wer vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart.
Richard von Weizsäcker

Kolonialismus, ist die Bezeichnung für ein System der wirtschaftlichen und politischen Herrschaft eines Staates über Regionen außerhalb seiner eigenen Grenzen. Kolonien entstanden aus der Landnahme durch Besetzung bzw. militärische Eroberung oder vertragliche Vereinbarungen mit den Landesautoritäten und entwickelten sich häufig aus der Gründung von Handelsniederlassungen, Militärstützpunkten oder Siedlungen von Migranten. Er beschreibt in der Regel das Bestreben einiger europäischer Staaten, neue Siedlungs- und Wirtschaftsräume zu erschließen und ihre Machtbasis auszuweiten und stellt insofern eine erste Stufe der Globalisierung unter europäischen Vorzeichen dar.

Bis Mitte des 19. Jahrhunderts beschränkte sich die europäische Fremdherrschaft über afrikanische Landstriche in der Regel auf einige Handelsniederlassungen und befestigte Stützpunkte an der Küste sowie deren unmittelbares Hinterland. Der europäische Kolonialismus erreichte seinen Höhepunkt in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts, in der Hochphase der imperialistischen Konkurrenz unter den Großmächten um die machtpolitisch noch unerschlossenen Teile der Welt und endete nach dem 1. Weltkrieg.

Für die koloniale Unterwerfung fremder Gebiete gab es unterschiedliche Gründe.

  • Überbevölkerung, politische Unterdrückung und religiöse Verfolgung, die viele Menschen zur Auswanderung und zur Gründung von Siedlungskolonien veranlassten.
  • Handels- und Wirtschaftsinteressen, die zur Anlage von Handelsstützpunkten und dem Erwerb wirtschaftlich interessanter Gebiete in Übersee führten.
  • Strategische Gründe, um bereits bestehende Besitzungen und die Verkehrsrouten zu ihnen z. B. durch Militärstützpunkte abzusichern.
  • Missionarische Absichten, das Christentum über die ganze Welt zu tragen; sie wurden später überlagert von dem zivilisatorischen Motiv, die für zurückgeblieben und „wild” gehaltenen Völker an den Segnungen der europäischen Kultur teilhaben zu lassen.
  • nationalistisches Expansionsdenken, das in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts in imperialistische Rivalität umschlug.

Mehrere dieser Beweggründe wirkten im Laufe der Kolonialgeschichte häufig zusammen, überlagerten einander oder folgten aufeinander. In der kolonialpolitischen Praxis der europäischen Staaten ging es hingegen hauptsächlich um die Ausbeutung fremder Ressourcen für den eigenen Wohlstand und die Erlangung oder Behauptung einer vorteilhaften geostrategischen Machtposition.

Im Gefolge der industriellen Revolution, die den Drang der Europäer nach Rohstoffen verstärkte und zugleich ihre waffentechnischen Vorteile noch weiter ausbaute, wandelten sich im 19. Jahrhundert Intention und Ausprägung des Kolonialismus. Mit Nachdruck wurden überseeische Gebiete in Besitz genommen.

Eine neue Dynamik entfaltete der europäische Kolonialismus nach der Eröffnung des Suezkanals 1869 und vor allem der Besetzung Ägyptens durch Großbritannien 1882. Die Rivalität unter den europäischen Mächten um die noch nicht kolonisierten Gebiete und geostrategische Vorteile steigerte sich zu einem Wettlauf der kolonialen Expansion, an dem sich nach der deutschen Reichsgründung 1871 auch Deutschland beteiligte. Um das Kriegsrisko zu vermindern, verständigten sich die Großmächte auf die gegenseitige Abgrenzung ihrer Interessengebiete.

Als „verspätete Nation” machte Deutschland nach anfänglichem Zögern des Reichskanzlers Otto von Bismarck erst seit den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts expansionistische Interessen in Übersee geltend. Vorkämpfer und erste Träger der Kolonialpolitik waren Kolonialgesellschaften, besonders der Deutsche Kolonialverein und die Gesellschaft für deutsche Kolonisation, die sich 1887 zur Deutschen Kolonialgesellschaft zusammenschlossen. 1884/85 stellte Bismarck die ersten Gebietserwerbungen – in Südwestafrika, Togo, Kamerun, Ostafrika und im Pazifik – unter den „Schutz” des Reiches. Zwar wertete Bismarck diese Kolonien öffentlich lediglich als unbedeutende Handelsstützpunkte, doch brachte er mit ihnen Deutschland in den Kreis der Kolonialmächte.
Nach der Entlassung Bismarcks (1890) trat das Deutsche Reich in scharfe Konkurrenz zu den anderen Großmächten, betrieb eine offensive Kolonialpolitik mit dem Ziel, die deutsche „Weltgeltung” zu heben, und forcierte den Flottenbau, um dem Anspruch auf einen „Platz an der Sonne” Nachdruck zu verleihen. Während sich Deutschland mit dieser Politik international isolierte, sich die Spannungen verschärften und in ein allgemeines Wettrüsten mündeten, verstärkten führende Politiker, allen voran Kaiser Wilhelm II., große Teile der bürgerlichen Presse, die Kolonialvereine sowie der Alldeutsche Verband und der Deutsche Flottenverein chauvinistische und rassistische Emotionen. Im Gegensatz zum hohen propagandistischen Aufwand, von dem die koloniale Expansion begleitet wurde, blieb deren Erfolg allerdings bescheiden.

Ende des 19. Jahrhunderts befanden sich 85 Prozent der Erdoberfläche unter Kolonialherrschaft oder in einer halbkolonialen Abhängigkeit. Nach dem 2. Weltkrieg setzte eine rasche Auflösung der Kolonialreiche ein und mündete in die Gründung einer Vielzahl von Staaten, die nun das Gros der Dritten Welt bilden. In einer Reihe von Fällen blieben die ehemaligen Kolonien trotz formeller Souveränität weiterhin wirtschaftlich und politisch an die bisherigen Kolonialmächte gebunden, oder es ergaben sich neue Formen der Abhängigkeit.


Quellen:

1. Schumacher, Helmut: "Kolonialismus": URL: http://www.hschumacher.de/html/kolonialismus.html [Stand: 27.03.2012]

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